Sind privat finanzierte Initiativen verwerflich oder besonders sozial?
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Sind privat finanzierte Initiativen verwerflich oder besonders sozial?

Es gibt Organisationen, die nicht mit Helvetic Care zusammenarbeiten wollen. Grund: Wir sind nicht durch öffentliche Gelder, sondern privatwirtschaftlich finanziert. Ist es denn verwerflich, wenn man als Unternehmen dem Steuerzahler nicht auf der Tasche liegt?

Helvetic-Care-Präsident Otto Bitterli fragt sich: Bräuchte es, gerade für das selbstbestimmte Leben im Alter, nicht mehr private Initiativen?Helvetic-Care-Präsident Otto Bitterli fragt sich: Bräuchte es, gerade für das selbstbestimmte Leben im Alter, nicht mehr private Initiativen?
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Otto Bitterli am 31.8.2021

«Es ist eine gute Initiative, die ihr mit Helvetic Care ins Leben gerufen habt», hat mir kürzlich ein Vertreter einer öffentlich finanzierten Organisation gesagt. «Aber: Ihr müsst ja damit Geld verdienen und seid privatwirtschaftlich finanziert, oder? Da können wir leider nicht zusammenarbeiten.»
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Obwohl ich diese dogmatische Haltung aus dem Gesundheitsbereich kenne, (zum Beispiel öffentliches versus privates Spital) hat mich die Selbstverständlichkeit der zitierten Aussage zum Nachdenken gebracht. Insbesondere im Pflegebereich scheint die Wahrnehmung «öffentlich - sozial – gut» und «privat - asozial – schlecht» noch ausgeprägter zu sein als in der Akutpflege. Ist es aus sozialen Überlegungen wirklich verwerflich, wenn Geld verdient wird? Oder andersrum: Würde nicht Geld verdienen zu einem wesentlich effizienteren und damit sozialeren Umgang führen? Bräuchte es, gerade für das selbstbestimmte Leben im Alter, nicht mehr private Initiativen?

Über den Autor

Otto Bitterli (59) ist Verwaltungsratspräsident bei Helvetic Care und selbstständiger Berater im Gesundheitswesen. Von 2005 bis 2019 war er CEO und Verwaltungsratspräsident der Sanitas Krankenversicherung.

Was heisst hier Geld verdienen?

Klar, wenn ich als Investor Geld in ein privates Unternehmen investiere, dann möchte ich das werterhaltend machen. Ich will damit Geld verdienen, weil ich ein entsprechendes Risiko eingehe. Ich will, dass die Organisation entsprechend kostenbewusst und effizient arbeitet, damit sich meine Investition lohnt. Ich werde als Aktionär Druck machen, damit die Geschäftsführung Sorge zu meinem investierten Kapital trägt.
Umgekehrt: Sowohl in privaten wie in öffentlichen Organisationen gehört das Geld verdienen zum Alltag: Pflegepersonal, Ärzte, Management etc. erhalten alle ihre Löhne für die geleistete Arbeit. Sie verdienen ehr- und redlich jeden Monat ihr Gehalt. Haben wir in der Unternehmung zu viele Mitarbeitende, die Geld verdienen? Ist die Verteilung des Geldes an verschiedene Berufsgruppen ungerecht und nicht adäquat? Geben wir zu viel oder zu wenig für Investitionen in die Zukunft aus? Bauen wir immer nach dem Goldstandard? Rechnet sich das?

Die Allgemeinheit wird entlastet

Wenn der Kanton oder die Gemeinde einer Unternehmung Geld gibt, dann ist das «unser aller Geld», da es mit Steuern eingetrieben wurde. Und: Wir alle geben dieses Geld in aller Regel «gratis», die Unternehmung muss keinen Zins dafür bezahlen. Müssten wir alle nicht den privaten Investoren danken, dass sie eigenes Geld und nicht das Geld aller anderen investieren? Entlastet dies nicht alle, die Steuern bezahlen?
Und konsequent gefolgert: Müsste der eingangs zitierte Vertreter der öffentlichen Hand nicht dankbar sein, wenn es privat finanzierte Initiativen gibt, da diese mit ihren Steuern die öffentlichen Unternehmen direkt unterstützen und so die Allgemeinheit entlasten?

Für Innovationen braucht es schlanke Strukturen

Hat die finanzielle Struktur eines Unternehmens Einfluss auf die Innovation? Wenn die Frage der Innovation als «existenzberechtigend» in Bezug auf die unternehmerische Zukunft angeschaut wird, dann zweifellos. Eine private Unternehmung tut gut daran, die Innovation – gerade im von Veränderungen getriebenen Digitalisierungszeitalter – in den Fokus zu rücken. Dazu muss eine Unternehmung auch bereits fit sein.
Dies bedeutet, dass sie effizient arbeitet und nicht aufgeblasen ist. Schlanke Strukturen sind eine wichtige Voraussetzung für Innovationsfähigkeit einer Unternehmung. Sich in «Ringel-Reihe- Manier» zu versammeln und zu denken, dann entsteht Innovation, ist eine Mär.

Wer zu viel Last trägt, muss etwas verändern

Mitarbeitende in Führungspositionen, die sagen, sie hätten aufgrund ihrer operativen Arbeitslast keine Zeit für Strategie oder für Innovation, unterliegen einem fundamentalen Irrtum: Wenn ich und meine Mitarbeitende zu viel Last tragen, dann muss ich was verändern, ich muss innovieren.
Eine effiziente Struktur ist immer noch ein zentraler Treiber der Innovation. Und genau die Balance zwischen einer schlanken Organisation und genügend Kraft für Innovation müssen private Unternehmen beherrschen, um erfolgreich in die Zukunft zu gehen.
Die rein private Finanzierung bietet keinen umfassenden Schutz für eine erfolgreiche Zukunft, wie wir alle wissen: Es gibt grosse, stolze, private Unternehmen, die den Schritt in die Zukunft nicht geschafft haben. Auch bei den Startups gibt es sehr viele, die nach kurzer Zeit ihre Vision begraben müssen. Die Gefahr, dass sich Aktionäre nicht einig sind, die Gefahr, dass Aktionäre den kurzfristigen Profit maximieren wollen und die Gefahr, dass das Management versagt, lauert überall.

Optimierungen sind keine echten Innovationen

Im Gegensatz zu den privaten spüren die öffentlichen Unternehmen den Atem der Aktionäre nicht direkt. Sehr häufig muss das Management nicht so hart am Wind segeln. Der Umgang mit Defiziten gehört zu einem Stück Alltag, bzw. indirekt zum öffentlichen Auftrag. Wenn es enger wird, findet man häufig die Innovation, indem man da und dort die Preise noch etwas anpassen kann oder eine andere Nische findet.
Im Gesundheitswesen zum Beispiel liegt die «Innovation» häufig darin, vermehrt Leistungen anzubieten, die in den Tarifwerken (Tarmed etc.) besser gerechnet sind als andere. Dies ist jedoch nicht echte Innovation, sondern reine, geschickte, interne Optimierung. Das ist zwar eine beachtenswerte Leistung des Managements, aber eben keine Innovation, die unternehmerisch langfristig die Existenz sichert.

Grosser Veränderungsbedarf, doch es passiert wenig

Im Sektor der Spitex, der Pflege, der Heime etc. ist der Blick in die Zukunft – aus der Optik der oben beschriebenen Anreizstrukturen – mit starkem Nebel verhangen. Zum Ersten ist dieser Sektor geprägt von öffentlichen Unternehmen. Zum Zweiten ist der finanzielle Absprungbalken tief. Viele haben keine finanziellen Polster, es besteht wohl nach wie vor Nachholbedarf in der Finanzierung, bspw. der Gehälter von Pflegepersonen. Zum Dritten verleitet die Mischfinanzierung (Gemeinde, Krankenkassen, Individuen) zu weiter oben beschriebenen «unechten» Innovationen.
Zum Vierten ist der Veränderungsbedarf enorm (die neuen alten Menschen wollen sehr ungern in Altersheime). Und zu guter Letzt: Das Management und die Organisationen sind sich (noch) nicht gewohnt, verschiedenen Marktkräften ausgesetzt zu sein. Sie müssen die Innovationsbereitschaft erst noch erlangen.

Kein Grabenkampf - Aufruf zur Zusammenarbeit

Auch wenn ich in den Ausführungen oben recht holzschnittartig argumentiert habe und damit von den Anreizstrukturen her die privaten Unternehmen als wesentlich sozialer und zukunftsträchtiger beurteile als die öffentlichen, so möchte ich an dieser Stelle vor einem Grabenkampf warnen: Was entscheidend für Erfolg und Misserfolg ist, sind die Menschen, insbesondere die Führungspersonen, in den einzelnen Organisationen.
Und da gibt es bei den privaten und öffentlichen Institutionen «gute und schlechte.» Wenn die Motivation des Chefs oder der Chefin einer privaten Organisation in der Maximierung des eigenen Einkommens liegt, dann ist das sehr innovationshemmend. Wenn die Motivation einer Chefin oder eines Chefs in einer öffentlichen Unternehmung im Status und im Absitzen der Jahre liegt, dann schadet dies beträchtlich. Da besteht Hoffnung für beide Kategorien von Unternehmen. Wenn es gelingt, eine verantwortungsbewusste, innovationsfreudige und kompetente Managementkraft an sich zu binden, dann dürfte dies wohl der wichtigste Faktor für eine erfolgreiche Zukunft sein.
Es ist deshalb nicht entscheidend, ob es private oder öffentlich finanzierte Initiativen gibt. Hauptsache ist, dass es überhaupt Initiativen gibt und dass die Menschen, welche künftige, veränderte Bedürfnisse erkennen und stillen möchten, zusammenarbeiten.

Helvetic Care will das Geld den Investoren zurückgeben

In eigener Sache: Wir, also helveticcare.ch, sind eine private Organisation, die von privatem Kapital getragen ist. Wenn die Investoren kein Vertrauen mehr in uns haben, dann wird es uns eines Tages nicht mehr geben. Wir müssen und wollen so rasch wie möglich Geld verdienen und gleichzeitig einen Mehrwert für die Gesellschaft liefern. Wir wollen den Investoren das mit viel Risiko gewährte Geld über die Zeit und hoffentlich mit einem Gewinn zurückgeben können.
Wir wollen nachhaltig profitabel sein und wir streben keine kurzfristige Profitmaximierung an. Wir sind schlank aufgestellt, haben lauter Mitarbeitende, die selbständig und deshalb auch auf eigenes Risiko für uns arbeiten. Und: Wir meinen sehr flexibel und innovativ auf die sich stellenden Veränderungen reagieren zu können. Wir möchten auch für uns als Unternehmen dereinst in Anspruch nehmen können: selbstbestimmt leben im Alter.

Offen für Partnerschaften aller Art

Zurückkommend auf die eingangs gemachte Feststellung eines Kollegen aus einer öffentlichen Unternehmung: Wir freuen uns auf viele Partnerschaften und Zusammenarbeitsmöglichkeiten mit innovativen und offenen Personen aus öffentlichen und privaten Unternehmen. Wir zählen darauf, dass sie unsere private Initiative nicht als Feindbild deklarieren – und, wir bringen ihnen wie allen Unternehmen gegenüber den notwendigen Respekt auf. Wir freuen uns auf viele konstruktive Möglichkeiten der Zusammenarbeit.


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