Lagerungsschwindel: Wenn sich plötzlich alles dreht
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Lagerungsschwindel: Wenn sich plötzlich alles dreht

Ein Lagerungsschwindel kommt plötzlich. Er hält nur wenige Tage oder Wochen an, ist aber unangenehm. Frauen sind stärker betroffen als Männer. Der nachfolgende Text widmet sich dem Phänomen Lagerungsschwindel, seinen Ursachen und seiner Behandlung.

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Helvetic Care am 25.6.2021


Das Wichtigste in Kürze

  • Der Lagerungsschwindel ist eine Erkrankung des Innenohrs.
  • Er wird nach Kenntnis der Wissenschaft durch abgelöste Kristalle erzeugt.
  • Er ist gut therapierbar.
  • Einige Übungen lassen sich auch zu Hause durchführen.

Definition und Ursachen des Lagerungsschwindels

Der gutartige, anfallsweise auftretende Lagerungsschwindel hat viele wissenschaftliche Namen:
  • Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS)
  • Benigner paroxysmaler positionaler Vertigo (BPPV)
  • Benigner peripherer paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPPV)
  • Peripherer paroxysmaler Lagerungsschwindel (PPLS)

Was ist ein Lagerungsschwindel?

Der Lagerungsschwindel ist eine Erkrankung des Innenohrs, wobei er in der Regel harmlos ist und nach wenigen Tagen oder Wochen wieder verschwindet. Der Begriff 'benigne' steht für gutartig. Allerdings ist er sehr unangenehm. Genau genommen handelt es sich um einen Drehschwindel oder Schwankschwindel, der deutlich mehr Frauen als Männer befällt.
Vermutet wird, dass sich im Innenohr die kleinen Kristalle, auch Otokonien, Statolithen oder Otholiten genannt, ablösen und so in die Bogengänge des Innenohrs gelangen. Hier bewegen sie sich bei jeder Bewegung hin und her, wodurch Bewegungsreize an das Gehirn gesendet werden. Da dieses aber vom Körper keine weitere Lageveränderung gemeldet bekommt, ist es irritiert und produziert einen Schwindel (Vertigo).
Wenn der Mensch und damit die Otokonien älter werden, häufen sich diese Ablösevorgänge im Innenohr. Damit werden auch die Schwindelanfälle häufiger, da das Gleichgewichtsorgan in unmittelbarer Nähe liegt und durch die drei Bogengänge des Innenohrs beeinflusst wird. Die Ablösungen können jedoch ebenso Kinder oder jüngere Menschen treffen. Interessanterweise bekommen diese damit kaum solche Schwierigkeiten wie Senioren. Häufiger tritt der Lagerungsschwindel etwa ab einem Alter von 55 Jahren auf.
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Ursachen für einen Lagerungsschwindel

Es gibt mehrere mögliche Ursachen für diese Ablösung der Otokonien. Interessanterweise ist zum Thema Ablösung noch nicht alles in der Wissenschaft abschliessend geklärt. Der Lagerungsschwindel lässt sich aber recht gut behandeln.

Die häufigsten Ursachen sind:

  • Alter
  • Traumen
  • Entzündungen des Innenohrs
  • Ohroperationen
  • Ohrverletzungen, beispielsweise durch sportliche Betätigung
  • längere Zeit der Bettlägerigkeit

Gutartiger und bösartiger Lagerungsschwindel

Vom bereits erwähnten gutartigen Lagerungsschwindel unterscheidet man manchmal einen bösartigen Lagerungsschwindel. Im Folgenden werden die Unterschiede dieser beider Unterformen kurz erläutert.

Gutartiger Lagerungsschwindel

Der Lagerungsschwindel wird meistens gutartig genannt, weil er zwar lästig, aber normalerweise nicht gefährlich ist. Zudem ist er in einer vergleichsweise kurzen Zeit wieder verschwunden. So geschieht es häufig, dass er bereits abgeklungen ist, wenn sich der Betroffene endlich an seinen Hausarzt wendet.
Dieser Besuch sollte aber nicht auf die lange Bank geschoben werden, denn Patienten können auch aktiv etwas tun und nicht nur im Bett oder auf der Couch liegen.

Bösartiger Lagerungsschwindel

Medizinisch gesehen gibt es keinen bösartigen Lagerungsschwindel. Als bösartig wird ein Lagerungsschwindel aber dann bezeichnet, wenn er besonders hartnäckig ist und dadurch beruflich wie privat negative Folgen nach sich zieht. Darunter fallen Krankmeldungen und Stress ebenso wie gefährliche Stürze.
Da ein Lagerungsschwindel an sich jedoch ungefährlich ist, wird im Folgenden stets von einem gutartigen Lagerungsschwindel gesprochen. Denn in der Regel klingt ein Lagerungsschwindel irgendwann ab, weil die Otokonien einen Platz gefunden haben und zur Ruhe gekommen sind.

Symptome eines Lagerungsschwindels

Lagerungsschwindel kann leicht erkannt, aber ebenso auch falsch diagnostiziert werden. Schliesslich tritt ein Schwindel auch bei anderen Krankheiten auf. Daher sollte der Hausarzt oder der HNO-Arzt (Hals-Nasen-Ohrenarzt) aufgesucht werden.
Der Lagerungsschwindel ist gerade am Anfang bereits in liegender Position und bei minimalen Bewegungen des Kopfes zu spüren. Drehen sich Betroffene im Bett, dreht sich plötzlich im Kopf ein Karussell.
Auch beim Aufstehen ist er sehr unangenehm und der eine oder andere muss sich an der Wand oder Tür festhalten, um nicht umzusinken. Das Gleichgewicht ist in solchen Momenten nicht gewährleistet. Manchen Patienten wird sogar schlecht und sie müssen sich häufiger übergeben. Ausserdem können sich die Betroffenen kaum bücken, ohne dass wieder ein Schwindel auftritt. Zusätzlich kann der Betroffene stark schwitzen oder er leidet unter Angst.

Lagerungsschwindel: unangenehm, aber ungefährlich

Das Ganze dauert oft nur einige Sekunden bis zu einer Minute. Daher nennt man das Auftreten anfallsartig oder paroxysmal. Zudem erfolgt häufiger ein Nystagmus. Darunter versteht man das unkontrollierte Zittern der Augen.
Bleibende körperliche Schäden sind beim gutartigen Lagerungsschwindel nicht zu erwarten. Auch wird jemandem normalerweise nicht schwarz vor den Augen, er verliert ebenso nicht das Bewusstsein. Aus dem Schwindel entstehende jedoch Stressgefühle und gefährliche Stürze können Folgeschäden sein.

Wichtig

Bei weiteren Problemen, zum Beispiel mit den Augen oder Nerven, sollte unbedingt ein Arzt hinzugezogen werden.

Häufigkeit und Dauer

Wie bereits erwähnt, sind Frauen wesentlich häufiger betroffen als Männer. Zudem tritt der Lagerungsschwindel meist zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr auf, wobei er auch in anderen Altersstufen vorkommt. Bis zu 50 Prozent der Patienten müssen damit rechnen, dass der Schwindel innerhalb von zwei Jahren erneut auftritt.

Die Diagnose

Der zuständige Arzt für einen Lagerungsschwindel ist der HNO-Arzt. Wer lieber seinen Hausarzt besucht, ist dort zunächst ebenfalls an einer guten Adresse. Eventuell wird der Hausarzt eine Überweisung ausstellen.
Folgende Untersuchungsmethoden bzw. Hilfsmittel helfen dem behandelnden Arzt dabei, einen Lagerungsschwindel zu erkennen:
  • die Dix-Hallpike-Lagerungsprobe
  • die Frenzelbrille

Dix-Hallpike-Lagerungsprobe

Wird ein Lagerungsschwindel vermutet, wird vom Arzt zunächst eine sogenannte Dix-Hallpike-Lagerungsprobe durchgeführt. Dabei werden die Augen auf schnelle, unkontrollierte Bewegungen (Nystagmus) hin untersucht.
Bei dieser Untersuchungsmethode sitzt der Patient auf der Liege. Der Kopf ist etwas nach hinten überstreckt und leicht seitlich geneigt. Dann erfolgt mit seiner Zustimmung ein schneller Wechsel in eine liegende Position. Der Kopf ragt dabei über die Liege hinaus.
Nun sollte sich ein Lagerungsschwindel sowie gegebenenfalls ein Nystagmus einstellen und innerhalb von rund einer Minute wieder vergehen. Dieses Dix-Hallpike-Manöver wird auf beiden Körperseiten durchgeführt. Es erreicht eine Erfolgsquote von fast 90 Prozent.

Frenzelbrille

Die Frenzelbrille wird auch Nystagmusbrille nach Frenzel genannt und erlaubt es dem behandelnden Arzt, den Nystagmus genauer zu erkennen. Die Lichtquelle in der Brille wird mit einer Batterie oder einer externen Stromversorgung betrieben. Die Gläser selbst sind von starker Brechung, sodass Lidschlag und Augenbewegungen gut beobachtet werden können.

Massnahmen gegen den Lagerungsschwindel

Steht die Diagnose, werden diverse Massnahmen ergriffen. Falls der Arzt nicht selbst etwas unternimmt oder unternehmen kann, verschreibt er eine Physiotherapie. Er selbst kann aber etwas gegen Übelkeit und auch gegen den Schwindel verschreiben.
Ersteres ist sicher sinnvoll. Die Medikamente gegen den Schwindel allerdings sollten gut überlegt genommen werden. Das Schwindelgefühl wird dabei unterdrückt, der Körper kann sich nicht mehr anpassen. So dauert das Ganze etwas länger, als wenn man den Lagerungsschwindel anders bekämpft.

Übungen gegen den Lagerungsschwindel

Gegen den Lagerungsschwindel gibt es zwei häufig empfohlene Übungen, die interessanterweise bewusst einen Drehschwindel hervorrufen sollen, damit der Körper lernt, damit besser umzugehen.
Die gängigsten Übungen sind:
  • das Epley-Manöver
  • das Sémont-Manöver (auch Semont-Manöver)
Diese Übungen haben zum Zweck, die Kristalle, die im Ohr an einer sensiblen Stelle herumschwimmen, aus dem Verkehr zu ziehen beziehungsweise sie an einen für das Gleichgewichtsorgan ungefährlicheren Ort zu bugsieren.

Wichtig

Keine dieser Übungen sollte am Anfang allein durchgeführt werden, wenn die Schwindelattacken noch recht heftig sind oder vielleicht sogar Übelkeit auftritt. Später dürfen und sollen sie zu Hause durchgeführt werden.

Das Epley-Manöver

Bei dieser Übung ist es wichtig, die Kopfbewegungen möglichst rasch auszuführen, damit der Schwindel auftritt. Es handelt sich um einen Bewegungsablauf in fünf Stufen. Diese Übung kann mehrmals täglich durchgeführt werden. Oft vergeht der Lagerungsschwindel dadurch nach maximal zehn Tagen.
  1. Der Patient sitzt vollständig auf der Liege und streckt die Beine lang aus. Wenn er sich auf den Bauch legt, ragt der Kopf über das vordere Ende der Liege hinaus.
  2. Jetzt wird der Kopf um etwa 45 Grad auf die Seite des betroffenen Ohres gedreht. Dreht sich der Proband nun rasch auf den Rücken, hängt der Kopf schräg über den Liegenrand. Der jetzt einsetzende Schwindel wird abgewartet. Das dauert voraussichtlich eine Minute. Falls Übelkeit eintritt, werden am besten die Augen geschlossen.
  3. Dann wird der Kopf um 90 Grad zu dem gesunden Ohr hingedreht und es wird wieder eine Minute lang gewartet.
  4. Anschliessend dreht sich nur der Körper in dieselbe Richtung, der Kopf bleibt dabei unverändert in seiner Position. Auch jetzt verharrt der Betroffene eine Minute lang.
  5. Dann kann er sich wieder aufrichten und die Beine von der Liege baumeln lassen.
Falls der Schwindel bei dieser Übung zu stark wird oder Übelkeit auftritt, ist es ratsamer, nur das nachstehende Sémont-Manöver auszuführen.

Das Sémont-Manöver

  1. Der Patient sitzt bequem auf der Liege, das Gesicht zeigt zum Arzt, die Beine baumeln locker herab. Nun wird der Kopf etwa um 45 Grad zum gesunden Ohr hingedreht, das kranke weist zum Arzt.
  2. Anschliessend legt dieser den Probanden rasch auf die betroffene Seite. Der Patient schaut jetzt zur Decke. Es sollte nun ein Schwindel eintreten. Auch hier bleibt der Proband so lange liegen, bis dieser aufhört. Das dauert mindestens eine Minute.
  3. Nun wird der Betroffene rasch auf die gesunde Seite gelegt, er schaut dabei die Liege an, denn der Kopf wird möglichst nicht bewegt. In dieser Lage wird ebenfalls abgewartet, dass sich der Schwindel legt.
  4. Anschliessend darf der Patient sich wieder in die Ausgangsposition setzen und wartet erneut ein paar wenige Minuten ab, bis der Drehschwindel vorbei ist. Damit ist die Übung abgeschlossen.

Weitere nützliche Übungen

Die Physiotherapie hält etliche weitere Übungen bereit, die jeder zu Hause machen kann. Dabei werden teilweise ebenfalls schnelle Kopfbewegungen durchgeführt oder der Körper bewegt sich.

Zusatzübung 1

Bei dieser Übung soll zunächst ein Punkt an der Wand fixiert werden. Dann dreht sich der Körper rasch einmal um die eigene Achse, beispielsweise auf einem Drehstuhl. Dabei verbleibt der Blick und damit der Kopf so lange wie möglich in seiner Position.
Dann dreht sich der Kopf ebenfalls blitzschnell und fixiert sofort wieder den Punkt an der Wand, noch bevor der Körper ganz herumgedreht ist.
Bei dieser Übung ist Vorsicht geboten. Wer sich nicht sicher drehen kann, ohne zu stürzen, sollte mit der Übung noch so lange warten, bis der Schwindel schwächer geworden ist.

Zusatzübung 2

Wenn Platz genug vorhanden ist, geht der Patient rasch drei bis fünf Schritte in eine Richtung und dreht sich dann abrupt um. Nun geht es in die andere Richtung und wieder wird gedreht. Dies kann ein paar Mal durchgeführt werden.
Auch diese Übung ist nur geeignet, wenn sich die betroffene Person dafür sicher genug fühlt.

Fazit: Lernen Sie, mit dem Lagerungsschwindel umzugehen

Ein Lagerungsschwindel kann durchaus mit dem Alter zu tun haben, aber er lässt sich gut therapieren. Sie sollten dabei jedoch unbedingt die Hilfe eines Arztes und am besten auch eines Physiotherapeuten suchen.
Das Gefährlichste an Schwindelanfällen dieser Art ist nicht der Schwindel selbst. Es ist die Gefahr zu stürzen, die einem bewusst sein muss. Solch ein Sturz im vorgerückten Alter kann üble Folgen haben. Auch daher ist es ratsam, dass Sie wissen, wie Sie mit einem Lagerungsschwindel umgehen. Dann können Sie Ihren Alltag selbstbestimmt fortsetzen.
Falls Sie Übungen gegen den Lagerungsschwindel zu Hause durchführen möchten, sollte eine vertraute, noch besser eine geschulte Person dabei sein. Am sichersten ist es, die Übungen in aller Ruhe in einem geschützten Raum wie der Praxis zu lernen, um sie dann vorsichtig zu Hause zu trainieren.

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