Liebe Schweiz, bitte werde nicht zum Ballenberg-Museum
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Liebe Schweiz, bitte werde nicht zum Ballenberg-Museum

Am 1. August feiert die Schweiz Geburtstag und es stehen viele Veränderungen an. Helvetic-Care-Präsident Otto Bitterli plädiert dafür, dass wir unsere Werte in eine neue digitale Welt überführen, damit wir auch künftig selbstbestimmt leben können.

Helvetic-Care-Präsident Otto Bitterli befürchet, dass die Schweiz zu einer Art Ballenberg-Museum mutiert. (Beka Bitterli)Helvetic-Care-Präsident Otto Bitterli befürchet, dass die Schweiz zu einer Art Ballenberg-Museum mutiert. (Beka Bitterli)
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Otto Bitterli am 30.7.2021

Geburtstag der Schweiz, Zeit nachzudenken, Zeit zurückzublicken und Zeit, die Zukunft in Angriff zu nehmen. Helvetic Care setzt sich für ein selbstbestimmtes Leben im Alter ein. Ich, 59, Schweizer, bin deren Präsident. In 10 Jahren werde ich fast 70 sein. Was wünsche ich mir für die Schweiz, was ist für mich wichtig, damit ich selbstbestimmt leben kann? Welche Rahmenbedingungen sind notwendig, was soll die Schweiz in 10 Jahren ausmachen? Einige Gedanken:

Happy Birthday und in ganz vielerlei Hinsicht weiter so, liebe Schweiz!

Auch wenn ich mich gerne kritisch über dieses und jenes in unserem Land äussere, so darf ich doch sagen, dass ich in vielerlei Hinsicht sehr gerne hier lebe. Wir sind im Durchschnitt ein friedfertiges Volk, wir lassen andere Meinungen in aller Regel gelten und verfügen als Schweiz über genügend finanzielle Mittel, damit viele zumindest aus finanzieller Optik, doch recht unbeschwert das Alter geniessen können.
Versuchen wir es doch umgekehrt: Was muss ich denn machen, damit – sollte ich die 70 erreichen – das Leben für mich weiterhin lebenswert ist? Was wünsche ich mir jeweils von der Schweiz und meinen Mitmenschen, damit ich selbstbestimmt leben kann? Die nachfolgenden Punkte sind aus meiner Sicht für mich persönlich und für unser Land von grosser Bedeutung.

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Freiheit, Unabhängigkeit und Offenheit

Persönlich: Mein bisheriges Leben ist geprägt von Freiheit, Offenheit und in vielerlei Hinsicht auch von Unabhängigkeit. Dabei ging es bei mir immer um das Gefühl, Freiheit und Unabhängigkeit bei Bedarf in Anspruch nehmen zu können. Ich habe das nie als absolut im Sinne von maximaler Freiheit, maximaler Unabhängigkeit verstanden, sondern als Lebensgefühl. Genau dieses Gefühl möchte ich auch in zehn Jahren noch haben können. Das ist nicht einfach, denn die Feinde werden mit dem Alter immer mächtiger, Einschränkungen lauern überall. Aber, wenn ich geistig aktiv, neugierig bleibe, wenn ich selbst offen und tolerant bin, dann habe ich wichtige Bedingungen für meine lebenswerte Zukunft geschaffen.
Schweiz: Von der Schweiz hoffe ich sehr, dass sie die Werte Freiheit, Offenheit und Unabhängigkeit weiterhin bewahrt. Es ist die Luft zum Atmen, das, was uns ausmacht. Auch da gibt es Feinde aller Art: zum Beispiel das Verhältnis zu anderen Staaten, zu anderen Haltungen oder Religionen sowie der Egoismus oder die Überregulierungen. Ich wünsche mir sehr, dass die Schweiz weltoffen und tolerant bleibt. Der grösste Feind jedoch lauert in uns selbst: Die arrogante Grundmeinung, wir seien etwas Besseres als die anderen, die selbstverständliche Wahrnehmung als Wohlstandsinsel, die Neidkultur oder die gegenseitigen Diffamierungen bereiten mir Sorge. Ich glaube, der Schweiz stünde in den nächsten zehn Jahren etwas mehr Bescheidenheit sehr gut an.

Bitte keine Gewalt

Persönlich: Einer der grössten Feinde in meiner persönlichen Freiheit ist Gewalt jeglicher Art. Es schaudert mich jedes Mal, wenn ich einen Bericht darüber lese, wie Gewalt gegenüber vermeintlich Schwächeren – damit meine ich Frauen oder älteren, gebrechlichen Menschen – ausgeübt wird. Kann ich abends mit dem Bus noch nach Hause fahren, wenn ich 70 bin oder muss ich da in dauernder Angst leben? Wird psychische Gewalt ausgeübt, wenn ich für die Gesellschaft nichts mehr Wert bin? Das bedrückt mich und ich habe ein etwas mulmiges Gefühl, was die Zukunft anbelangt.
Schweiz: Die Schweiz muss dafür sorgen, dass die Gewalt nicht zunimmt. Wir müssen schauen, dass das Leben für möglichst viele in diesem Land lebenswert ist und bleibt. Wir müssen schauen, dass viele Sinn stiften können, das ist das beste Mittel gegen Gewalt. Radikalisierungen kommen faktisch einer Zunahme von Gewalt gleich. Wir sollten diese unter Kontrolle halten. Wir müssen der Gewalt, dort wo sie auftritt, aber auch entschieden entgegentreten. Ich wünsche mir auch in Zukunft eine möglichst gewaltfreie Schweiz.

Über den Autor

Otto Bitterli (59) ist Verwaltungsratspräsident bei Helvetic Care und selbstständiger Berater im Gesundheitswesen. Von 2005 bis 2019 war er CEO und Verwaltungsratspräsident der Sanitas Krankenversicherung. Lesen Sie auch seine Artikel: Werden die Babyboomer diskriminiert? und Am liebsten möchte ich zur Demo ausrufen.

Solidarität von Jung und Alt

Persönlich: Die beste Übung, um geistig fit zu bleiben, ist sich mit den geistig fitten, sprich den Jungen, positiv auseinander zu setzen. Da kommen glücklicherweise andere Generationen daher. Diese müssen in der Lage sein, eigene Lebensentwürfe zu machen. Der Entwurf meiner Generation «Geburt, Ausbildung, Arbeit, Tod» ist fundamental zu überdenken. Wir müssen den jungen Menschen Mut machen, in neuen Lebensentwürfen zu denken und die unsrigen nicht als das Mass der Dinge anzuschauen. Ein schwieriges Unterfangen, das von uns älteren Menschen viel Verständnis, Toleranz und kritische Selbstreflexion bedingt.
Schweiz: Wir dürfen nicht auf Kosten der jungen Generation leben. Leider hat sich das in vielen Facetten über die letzten 20 Jahre manifestiert. So erfolgt eine Quersubventionierung von den jungen Menschen hin zu den älteren in der Pensionskasse und der Krankenversicherung. Wir müssen als ältere Generation mehr Eigenständigkeit erlangen, dürfen den Jungen nicht das Geld aus der Tasche ziehen und egoistisch auf Besitzstandswahrung pochen. Ich hoffe, dass wir älteren Menschen diese Einsicht haben und die Schweiz sich entsprechend erneuern kann.

Finanzielle Sicherheit

Persönlich: Für mich persönlich ist finanzielle Sicherheit und Unabhängigkeit ein grosses Thema. Ich möchte nie auf Kosten des Staates oder anderer leben müssen. Schaffe ich das in einer Zeit, in der die Umwandlungssätze der Pensionskassen dramatisch einbrechen, in der Diskussionen über die Erhöhung des AHV-Alters und der Finanzierbarkeit der AHV stattfinden? Wie viel Geld benötige ich denn für die Phase, in der ich noch unbeschwert pensioniert leben kann und für die Phase, in der ich womöglich auf Pflege angewiesen bin?
Kann ich auch nach der Pension einen Mehrwert für die Gesellschaft bieten und allenfalls etwas dazuverdienen? Werde ich noch gefragt, gebraucht oder mutiere ich zu einer gesellschaftlichen Last? Fragen über Fragen und Antworten darauf zu finden, ist kompliziert. Ich hoffe, dass ich selbst die Kurve kriege. Ich persönlich meine, dass ich die entsprechenden Voraussetzungen schaffen konnte. Allerdings werde auch ich – wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen – mich neu erfinden müssen. Das als Chance und nicht als Last zu sehen, ist wohl eine der grössten Herausforderungen für mich und meine Generation.
Schweiz: In der Schweiz hoffe ich, dass wir die finanzielle Stabilität auch in Zukunft gewähren können. Ich hoffe, dass wir sozialen Ausgleich überall dort schaffen können, wo dieser notwendig ist. Ich möchte nicht, dass ältere Menschen in der Schweiz in Altersarmut leben müssen. Um das zu ermöglichen, muss die Schweiz weiterhin wettbewerbsfähig sein. Die Wirtschaft muss Mehrwert schaffen können. Die Menschen müssen die Bereitschaft haben, dafür zu arbeiten, sich positiv und mit Kräften einzubringen. Ich bin diesbezüglich sehr zuversichtlich und ich zähle auf die Leistungsfähigkeit und die Leistungsbereitschaft der heranwachsenden Generationen.

Aufbruch zu Neuem

Persönlich: Der Aufbruch zu Neuem ist meine grösste Herausforderung: Da habe ich mich wunderbar in meinem Job eingerichtet, hatte täglich zu tun, die Umwelt zollte mir Respekt. Alles ging seinen geregelten Weg. Und nun? Bin ich nichts mehr wert? Kann ich mich derart neu erfinden, dass ich einen neuen Wert für mich selbst und für mein Umfeld darstelle? Ich muss lernen, mich neu einzubringen, neue Projekte zu machen, mich über kleinere Dinge zu freuen.
Schweiz: Aufbruch zu Neuem ist nach meinem Empfinden auch die grösste Herausforderung für die Schweiz. Die Schweiz, die aus Pionierinnen und Pionieren den Welthandel mitprägen konnte. Eine Schweiz, welche sich durch Personen wie Alfred Escher (auch wenn er im Nachhinein kritisiert wird) vom Agrar- zum Industriestaat führen liess und damit den heutigen Wohlstand begründete.
Mit all den Veränderungen, die mit dem Schlagwort Digitalisierung einhergehen werden, stehen wir als Gesellschaft, als Schweiz, vor einer der grössten Herausforderungen. Wir sind über die Industrialisierung fett geworden, wollen das nicht loslassen, sehen uns auf einer Wohlstandsinsel und leben in Besitzstandswahrung. Die Digitalisierung wird uns Stück für Stück erfassen, ohne dass wir bisher dabei einen neuen und positiven Gesellschaftsentwurf zu haben.
Gelingt es uns, neue und positive Entwürfe für die künftige Schweiz zu finden? Gibt es Menschen in unserem Land, die mit positiver Antriebskraft die anderen begeistern und mitnehmen können? Ich bin für die Schweiz diesbezüglich skeptisch: Manchmal fürchte ich mich davor, dass die ganze Schweiz zu einer Art Ballenberg-Museum mutiert. Aber, ich trage die Hoffnung in mir, dass irgendwann ein positiver Aufbruch spürbar ist, der neue Energie in uns allen freisetzen wird. Ich setze auf die neuen Generationen. Wir älteren Menschen sollten die Jüngeren motivieren, dass sie sich der neuen Herausforderung positiv stellen und eine neue Schweiz zu denken und zu bauen beginnen.

Rundum mehr Menschlichkeit

Persönlich: Mit jedem zunehmenden Jahr werde ich für die produktive Gesellschaft immer wertloser, ja tendenziell belastend. Dies kann allen widerfahren. Ich hoffe sehr, dass mir dann Menschlichkeit entgegengebracht wird. Ich hoffe, dass mir viele mit Würde, Respekt und menschlicher Wärme begegnen. Es gibt keine Garantie dafür, dass dies passieren wird. Aber - wenn wir ältere Menschen Wärme und Offenheit ausstrahlen, wird uns dies auch zunehmend zurückgegeben. Wir dürfen nicht griesgrämig, rechthaberisch und egoistisch sein. Wenn wir so auftreten, wird uns der Sitzplatz im Bus in Zukunft nicht mehr angeboten.
Schweiz: Speziell für die Schweiz wünsche ich mir mehr Menschlichkeit, mehr Empathie, mehr Füreinander. Dies ist Voraussetzung dafür, dass wir gemeinsam zu neuen Ufern aufbrechen können. Nur wenn wir Vertrauen zueinander, zu politischen und wirtschaftlichen Instanzen haben, werden die Menschen bereit sein, die Schweiz neu zu bauen. Ich wünsche mir, dass unsere Elite stärker von Menschlichkeit an Stelle von Egoismus und Gewinnstreben getrieben ist.
Der Antrieb der künftigen Elite in der Schweiz darf nicht in erster Linie über Geld und Macht erfolgen. Vielmehr sollen jene zu Ruhm und Ehre kommen, welche die Schweiz visionär, aus positivem Antrieb vorwärtsbringen wollen. Es braucht Menschen, welche die Mitmenschen mögen und deshalb etwas Gutes für alle tun möchten. Nur so werden wir von der Technologie positiv profitieren können. Nur so werden wir den Kampf gegen Cyber-Kriminalität gewinnen. Und nur so werden wir die Schweiz gegen abstrakte und skalierbare Technologie-Giganten verteidigen können. Es gibt, so hoffe ich, in Zukunft eine noch stärkere Schweiz!
In diesem Sinne, nochmals herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, liebe Schweiz. Ich wünsche dir und uns allen viel Power, damit wir gemeinsam unsere Werte positiv in eine neue, digitale Welt überführen können. Ich wünsche uns, dass wir selbstbestimmt die Zukunft gestalten können.

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