Pfuusbus-Mitarbeiter: «Es stimmt mich nachdenklich, dass in der reichen Schweiz Menschen auf der Strasse leben»

Hans Leber (63) kümmert sich in der Notschlafstelle Pfuusbus um Obdachlose. Der Frührentner möchte mit diesem Ehrenamt etwas zurückgeben, weil er im Leben viel Glück hatte. Doch die Schicksale seiner «Gäste» gehen ihm auch nahe.

Pfuusbus-Mitarbeiter: «Es stimmt mich nachdenklich, dass in der reichen Schweiz Menschen auf der Strasse leben»
Ricardo Tarli

«Wenn ich abends mit dem Auto nach Züri fahre, weiss ich nie so genau, was mich in den Nachtstunden erwartet. Ich bin ehrenamtlicher Hüttenwart im Pfuusbus. So heisst die vom Sozialwerk Pfarrer Sieber betriebene Notschlafstelle für Obdachlose in Zürich.

Der Pfuusbus bietet Bedürftigen in den kalten Monaten, von November bis April, ein Obdach. Das Betreuungsteam besteht aus einem Mitarbeiter des Hilfswerks und vier Freiwilligen, von denen zwei kochen und zwei über Nacht bleiben. Ich bin einmal pro Woche als Hüttenwart im Einsatz.

Jeden Abend gibt es für die 25 bis 30 Gäste, so nennen wir die Obdachlosen, eine warme Mahlzeit. Die ersten kommen gegen 19 Uhr, wenn der Pfuusbus öffnet. Eine Stunde vorher beginnt meine Schicht. Ich begrüsse die neuen Gäste und nehme ihre Personalien auf. Dann bekommen sie von mir Kissen, Schlafsack und eine Decke.

Die Geschichten der Obdachlosen berühren mich sehr

Zu meinen weiteren Aufgaben gehören das Vorbereiten des Essbereichs, also das Reinigen der Tische und Bänke, sowie das Bereitstellen von Tee und Kaffee. Bei Bedarf helfe ich dem Küchenteam aus beim Essen ausgeben. Auf dem Speiseplan stehen etwa Teigwaren und Geschnetzeltes mit Salat und Gemüse. Ein Dessert darf natürlich auch nicht fehlen.

Im Laufe des Abends komme ich mit den Gästen ins Gespräch. Ich bin ein offener Mensch und finde deshalb schnell den Draht zu Fremden. Sie erzählen mir aus ihrem bewegten, oft schwierigen Leben. Meistens sind Drogen und Alkohol mit im Spiel. Ihre Geschichten berühren mich sehr. Gegen Mitternacht lege ich mich aufs Ohr.

Der Lärm führt manchmal zu Konflikten

Im beheizten Schlafzelt herrscht ein Kommen und Gehen rund um die Uhr. Der Lärm führt manchmal zu Konflikten, weil die anderen schlafen möchten. Droht die Situation zu eskalieren, sind die Mitarbeitenden vom Hilfswerk rasch zur Stelle. Dann kehrt schnell wieder Ruhe ein. Ab 6 Uhr bereite ich das Zmorge vor. Wenn es die Zeit zulässt, mixe ich als kleines Extra Bananenmilch. Unsere Gäste lieben Bananenmilch.

Die meisten Gäste sind Stammgäste und kommen jede Nacht. So lernt man sich mit der Zeit näher kennen. Darum gehen mir ihre Schicksale auch so nahe. Im vergangenen Winter begegnete ich einer Frau, so um die fünfzig, die sehr krank war. Ihr Gesicht war ausgemergelt, sie konnte nichts mehr essen und übergab sich mehrmals. Ein Krankenwagen brachte sie in ein Spital. Seitdem habe ich die Frau nie wieder gesehen. Ob sie noch lebt?

Es ist manchmal schwer zu ertragen, wie die Sucht die Menschen beherrscht

Ein stark alkoholisierter junger Mann wollte morgens um 4 Uhr Schnaps aus seiner mitgebrachten Flasche trinken. Der Konsum von Alkohol und anderen Drogen ist jedoch verboten. Also nahm er die Flasche und ging nach draussen in die Kälte. Ein Abhängiger lässt sich nicht zurückhalten. Es ist manchmal schwer zu ertragen, wie die Sucht die Menschen beherrscht.

Und da war diese Frau, vielleicht Mitte Fünfzig. Sie war Stammgast und erzählte oft von ihren zwei Söhnen, zu denen sie den Kontakt verloren hatte. Sie verstarb infolge einer Coronainfektion…

Es herrscht Maskenpflicht

Wir achten streng auf die Einhaltung der Hygieneregeln. Es herrscht Maskenpflicht. Die Schlafplätze sind mit Plexiglas voneinander abgetrennt. Beim Check-in müssen sich die Gäste die Hände desinfizieren und ihre Körpertemperatur messen lassen. Wer Symptome aufweist, wird in einem separaten Container isoliert und muss sich testen lassen.

Bei meinen Einsätzen gab es bisher nur einen Verdachtsfall, wobei er sich später als negativ herausstellte. Randständige sind von der Pandemie nicht stärker betroffen als andere Bevölkerungsgruppen. Die Belegung ist deshalb ähnlich wie in den Vorjahren.

Ich möchte etwas zurückgeben

Meine ehrenamtliche Tätigkeit als Hüttenwart ist eine sinnvolle Beschäftigung für einen guten Zweck. Sie bereichert meinen Alltag und macht mich glücklich und zufrieden. Ich hatte sowieso Glück im Leben, einen guten Job, eine liebe Familie und Gesundheit. Mit meinem Engagement möchte ich etwas an diejenigen zurückgeben, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

2020 ging ich in Frührente. Vor meiner Pensionierung war ich bei BASF in Kaisten in der Technik tätig. Im vergangenen Winter war ich das erste Mal im Pfuusbus im Einsatz, zusammen mit meiner 34-jährigen Tochter. Sie war es, die mich auf das Sozialwerk Pfarrer Sieber aufmerksam machte.

Unterschied zwischen Armut und Überfluss wird besonders in der Weihnachtszeit deutlich

Es stimmt mich nachdenklich, dass es in der reichen Schweiz Menschen gibt, die auf der Strasse leben müssen. Natürlich gibt es auch solche, die sich partout nicht helfen lassen wollen - oder es einfach nicht schaffen, ihr Leben zu ändern, warum auch immer.»

Geschichten, die unsere Leserinnen und Leser bewegten

Dieses Interview wurde bereits Ende 2021 geführt und begeisterte damals sehr viele Leserinnen und Leser. Deshalb publizieren wir diesen Artikel nun nochmals und wünschen Ihnen schöne Festtage.