70 Liegestütze mit 80 – was wir von Roger Schawinski lernen können

Der Medienpionier Roger Schawinski schreibt ein Buch, wie Babyboomer gut älter werden können. Damit trifft er einen Nerv. Im Interview spricht er über den Longevity-Hype, Disziplin im Alter, Generationenkonflikte und warum gesund alt werden kein Zufall ist.

oger Schawinski steht im Radio1-Studio und hält sein Buch Bonus-Jahre in der Hand.
Schawinski: «Ein kleiner missionarischer Drang ist nicht zu übersehen.» Bild: Radio 1
Maja SommerhalderFolgen


«Hallo Boomer, so geniesst du deine BONUS-JAHRE», heisst Ihr neues Buch. Die erste Auflage war innerhalb von zehn Tagen ausverkauft. Überrascht Sie dieser Erfolg?
Roger Schawinski: Irgendwie schon. Aber offenbar habe ich dieses Mal einen Nerv getroffen. Ich habe zur richtigen Zeit das richtige Thema in die richtige Form gebracht. 

In Ihrem Buch zeigen Sie Ihrer Generation auf, wie sie ihre kommenden Jahre gesund gestalten und verlängern kann. Warum interessiert das so viele Leute?
Weil sehr viele davon betroffen sind. Die Babyboomer, also Jahrgänge von 1946 bis 1964, sind eine sehr grosse Bevölkerungsgruppe. Nun treten sie eine neue Lebensphase an. Die ersten Babyboomer sind bereits 80 und da kommen weltweit Millionen hinterher. Diese Generation möchte sich für die nächsten Jahre orientieren. Nicht umsonst erfährt das Thema Longevity (Langlebigkeit) gerade einen riesigen Hype.

Longevity steht für das Konzept, länger bei bester Gesundheit zu leben. Um dies zu erreichen, geben Menschen viel Geld für spezielle Kuren oder Pillen aus. Ihre Gesundheitstipps sind jedoch altbekannt: gesunde Ernährung, soziale Kontakte, genügend Schlaf und Bewegung.
In meinem Buch beleuchte ich den Hype um Longevity mit seinen unglaublichen Methoden kritisch. Beweise, ob diese Methoden etwas bringen, gibt es nicht. Trotzdem ist es ein grosses Business, weil viele Leute verunsichert sind. Sie fragen sich, wie sie ihr Leben verbessern und möglichst lang gesund bleiben können. Da sind sie sehr offen für solche Versprechungen.

Also Vorsicht vor der Longevity-Industrie…
Absolut. In diesem Gebiet sind viele Scharlatane unterwegs. Vielleicht bringt die Künstliche Intelligenz eine Erkenntnis, die uns oder der nächsten Generation hilft. Momentan ist aber noch keine Wunderdroge in Sicht, die das Leben verlängert.

Immerhin: Der Lebensstil ist wichtiger als die Gene, um gesund alt zu werden. In einem Interview sagten Sie, dass Sie täglich 70 Liegestütze machen. Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich das nicht schaffe?
Auf keinen Fall. In meinem Buch schreibe ich, dass Krafttraining wichtig ist, und zeige an meinem Beispiel, dass man seine Leistungsfähigkeit auch im Alter noch verbessern kann. Als ein Journalist Genaueres wissen wollte, erzählte ich ihm von den 70 Liegestützen. Um diese zu schaffen, muss ich aber ganz schön kämpfen. Nach dem grossen Medienecho ist es nun fast eine Ehrensache, dass ich mein Pensum durchhalte.

Aber eigentlich ist diese Zahl völlig unwichtig. Jeder soll da anfangen, wo er gerade steht, und sich mit regelmässigem Training verbessern. Es tut auch der Seele gut, wenn man sich als älterer Mensch noch körperlich steigern kann.

Über Roger Schawinski und sein neues Buch

Roger Schawinski (geb. 1945) gehört zu den prägendsten Medienunternehmern der Schweiz. Der promovierte Ökonom gründete unter anderem Radio 24, war Fernsehmoderator und ist heute täglich auf Radio 1 zu hören.

In seinem neuen Buch «Hallo Boomer – so geniesst du deine Bonusjahre» setzt sich der Zürcher mit dem Älterwerden auseinander. Er plädiert für Eigenverantwortung, körperliche und geistige Fitness – und warnt vor überzogenen Versprechen der Longevity-Industrie.

Lebt denn Ihre Generation ein selbstbestimmtes Leben im Alter?
Weitgehend bis zu einem gewissen Punkt. Die Lebensdauer (Lifespan) geht ja stetig nach oben. Entscheidend ist aber, dass man die gesunde Lebenszeit (Healthspan) verlängert. Das heisst, der Zeitraum zwischen Lifespan und Healthspan sollte möglichst kurz sein. Momentan liegt dieser aber bei Männern zwischen sieben und acht Jahren, und bei Frauen ist er noch länger. Dies gilt es zu verhindern. Eine gesunde Lebensführung trägt dazu bei.

Warum leben Frauen länger, aber oft mehr Jahre mit Krankheiten oder Behinderungen als Männer?
Eine eindeutige Antwort habe ich nicht gefunden. Es hat vielleicht auch etwas mit der Konstitution und den Hormonen zu tun. Ernährung, Schlaf und Fitness sind also für Frauen sehr wichtig. Wenn man älter wird, gibt es nur ein grosses Projekt: Man muss auf sich selbst schauen.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass es dazu viel Disziplin braucht. Das klingt nicht gerade lustbetont.
Ist es auch nicht. Ich muss mich manchmal durchringen, um eine Trainingseinheit auf dem Hometrainer oder Pilates zu machen. Das ist nicht angenehm. Aber: Danach geht es mir immer besser. Denn Sport setzt Hormone frei, die Glücksgefühle auslösen.

Sie sind nicht nur sportlich, sondern auch beruflich aktiv. Bei Radio 1 sind Sie mehrmals pro Woche auf Sendung und „Hallo Boomer“ ist bereits Ihr 13. Buch. Wie sieht Ihr Alltag aus?
Jeder Tag ist anders. Am heutigen Montagmorgen habe ich zum Beispiel bereits eine Sendung mit Markus Somm gemacht. Er ist 20 Jahre jünger als ich und der eloquenteste, rechte Journalist der Schweiz. In vielen Bereichen hat er andere Ansichten als ich. Indem ich mich mit ihm messe, fordere ich mich und muss Dinge schnell abrufen können. Das ist ein richtiges Gehirnjogging und schärft meine kognitiven Fähigkeiten.

Für Sie ist ehrenamtliche oder bezahlte Arbeit ein Rezept, um möglichst lange fit zu bleiben. Darf man im Alter nicht endlich die Füsse hochlagern?
Sicher kann man das machen. Aber wenn man die ganze Zeit nichts tut, ist das wohl nicht das Richtige. Hat man das Gefühl, dass man nicht mehr gebraucht wird und nicht mehr dabei ist, ist das weder für einen selbst noch für die Gesellschaft gut.

Insbesondere für Menschen, die ihr Leben lang im Rampenlicht standen, ist das schwer. Haben Sie davor Angst, nicht mehr gebraucht zu werden?
Die Bedeutungslosigkeit kommt für jeden irgendwann. Ist man sich dessen bewusst, findet man damit einen besseren Umgang. Bisher habe ich es aber noch nicht geschafft, unsichtbar zu werden. Ich bin 80 und habe gerade ein Buch rausgebracht, das grossen Anklang findet. Das freut mich und sorgt für Glücksgefühle.

Was ist Ihr Antrieb?
Wenn ich eine Idee habe, prüfe ich, ob ich sie umsetzen soll. So hatte ich auch plötzlich das Gefühl, dass ich dieses Buch schreiben muss. Erstens wollte ich zu diesem Thema für mich recherchieren und zweitens meine Erkenntnisse möglichst vielen anderen Leuten mitteilen. Ein kleiner missionarischer Drang ist nicht zu übersehen.

Was sind Ihre nächsten Projekte und Ziele?
(lacht) Mit meinen 80 Jahren weiss ich nicht, ob ich diese Frage als Kompliment oder Beleidigung auffassen soll. Ich habe nie einen Plan, was als Nächstes kommt. Wenn ich mich dann plötzlich für eine Idee oder ein Projekt begeistern kann, weiss ich, was ich umsetzen möchte. Aber wie gesagt, ich bin immer noch tätig. Beim Radio habe ich gewisse Strukturen und treffe mich mit meinen Mitarbeitenden. Das sind junge, spannende und interessierte Leute. Das ist ein wichtiger Teil meines Alltags.

Einer Ihrer Tipps ist, sich mit Jüngeren abzugeben. Warum?
Es fördert Glücksgefühle und kann den Alterungsprozess verlangsamen, wenn man nicht nur mit Gleichaltrigen zusammen ist. In den meisten Schweizer Altersheimen findet leider keine Durchmischung statt. Anders ist es etwa in den USA. Dort gibt es Alterssiedlungen, in denen man Sport machen und tanzen kann. Man führt ein aktives Leben.

In der Schweiz ist hingegen der Schritt ins Altersheim für die meisten Leute schwierig. Sie bauen schnell ab oder leben nicht mehr lange. Die letzte Station seines Lebens anzutreten, ist für die wenigsten beglückend.

Was sollte sich in der Schweiz sonst noch ändern im Umgang mit alten Menschen?
Es braucht Formen, damit die Älteren adäquat leben können. Es ist zwar verständlich, dass die Jungen fordern, die Alten sollen ihre grossen Wohnungen und Häuser verlassen, um der nächsten Generation Platz zu machen. Nur: Wo sollen die Älteren hingehen? Dieses Problem ist leider ungelöst und wird noch grösser werden.

Haben Sie Pläne, falls Sie mal mehr Hilfe benötigen?
Also Hilfe brauche ich momentan gar keine und so etwas kann man nicht planen. Indem ich mich geistig und körperlich fit halte, versuche ich, das rauszuschieben. Mit meinem Buch möchte ich den Leuten Mut machen, dass sie das ebenfalls tun. Sie sollen versuchen, so lange wie möglich selbstbestimmt zu leben.

Sie schreiben auch, dass es einen Alltagsrassismus gegen alte Menschen gibt. Wie meinen Sie das genau?
Heute spricht man etwa abschätzig vom alten weissen Mann – gegen diesen ist eine richtige Bewegung entstanden, die ganz klar ideologisch aufgeheizt ist und einen postkolonialen Ansatz hat. Während früher das Alter als Zeit der Weisheit galt, herrscht heute ein Kult um die Jugendlichkeit. Ältere Menschen können nicht mehr darauf zählen, dass ihnen Respekt entgegengebracht wird. Im Gegenteil. Sie müssen selbst dafür sorgen, dass sie den Kopf über Wasser halten können.

Wie sollte denn die jüngere Generation mit älteren Menschen umgehen?
Man sollte realisieren, dass es immer mehr ältere und weniger jüngere Leute gibt. Die demografische Entwicklung wird weitreichende Folgen haben – auch in finanzieller Hinsicht, wenn wenige für viele Menschen sorgen müssen. Diesen Problemen sollte man sich ernsthaft annehmen, damit es nicht zu einem echten Konflikt zwischen den Generationen kommt.

Gibt es etwas, was die Jungen von den Alten lernen können?
Dass wir versucht haben, alles ein bisschen zu verändern und zu öffnen. Wir sind die Rock-’n’-Roll-Generation. Die Änderungen gehen von Musik über Sexualität bis zur Rolle der Geschlechter. Das sollten die Jüngeren auch machen oder sogar noch weiterführen. Ich habe das Gefühl, das passiert zu wenig. Die Generation Z etwa konzentriert sich mit ihrem Ruf nach der «Life-Work-Balance» vor allem auf sich selber und auf ihre kurzfristige Befriedigung. Verantwortung möchte sie dabei aber nicht übernehmen.

Die Boomer waren hingegen eine Generation, die sich über die Arbeit definierte.
Man musste und konnte das so machen. Es war beglückend, dass vieles neu und möglich war. Wir sind die glücklichste Generation der Menschheitsgeschichte und lebten im besten Land der Welt. Von dieser Ausgangssituation profitierten wir und verwirklichten uns lange. Die Jungen haben es heute schwerer, wenn man sich die Weltlage ansieht. Da scheinen dunkle Wolken am Himmel zu sein. Das kann dazu führen, dass der Glaube an die eigene und die Zukunft der Gesellschaft schwindet. 

Vielleicht hilft dagegen Altersmilde, von der Sie im Buch schreiben. Sind ältere Menschen gelassener?
Das passiert nicht automatisch. Es gibt auch den Altersstarrsinn. Der Versuch, altersmilde zu werden, ist aber empfehlenswert. Dadurch kann man ein besseres und glücklicheres Leben führen. Wenn man immer nur das Gefühl hat, früher war alles besser oder mit einem Groll zurückschaut, wird man verbittert. Mehr Achtsamkeit hilft, um loszulassen.

10 Tipps aus dem Buch für gesunde Bonusjahre

  • Extreme vermeiden: Fettleibigkeit und Untergewicht sind riskant. Leichtes Übergewicht kann hingegen vor Infektionen und Knochenbrüchen schützen.
  • Mehr Pflanzen, weniger Fleisch: Eine pflanzenbasierte Ernährung ist ideal – Blaubeeren gelten als Superfood. Rotes Fleisch nur massvoll geniessen.
  •  Kaffee ja, Alkohol selten: Kaffee ist bis etwa 14 Uhr sinnvoll, Alkohol sollte man weitgehend meiden.
  • Nicht schlurfen: Beim Gehen auf eine gute Schrittlänge achten – wer wie Joe Biden trippelt, verliert an Stabilität und Kraft.
  • Bewegung ist Pflicht: Yoga, Tanzen oder andere sportliche Aktivitäten stärken Körper und Geist. Muskeln brauchen regelmässiges Krafttraining.
  • Gelassenheit – aber dranbleiben: Loslassen zu können, ist wichtig beim Älterwerden. Disziplin ebenso, um möglichst lange selbstbestimmt zu leben.
  • Genug schlafen: Auch im Alter sind sieben bis acht Stunden Schlaf pro Nacht entscheidend.
  • Altersmilde üben: Optimismus ist erstrebenswert. Gleichzeitig sollten Boomer ihre Interessen selbstbewusst vertreten.
  • Achtsam, nicht ängstlich: Gesundheitliche Probleme früh erkennen – aber nicht zum Hypochonder werden.
  • Perfektion ist unrealistisch: Niemand setzt das alles immer ideal um. Wichtig ist, sich nicht entmutigen zu lassen.

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