Gicht im Alter: Ursachen, Symptome und Behandlung der Stoffwechselkrankheit
Gicht ist eine der schmerzhaftesten rheumatischen Erkrankungen und betrifft im Alter besonders viele Männer. Mit der richtigen Behandlung und einer angepassten Lebensweise lassen sich Anfälle vermeiden und Gelenke langfristig schützen. Dieser Ratgeber erklärt, was bei Gicht im Alter zu beachten ist.

Inhaltsverzeichnis
- Das Wichtigste in Kürze
- Was ist Gicht?
- Wie erkenne ich einen Gichtanfall?
- Was begünstigt Gicht im Alter?
- Wie wird Gicht diagnostiziert?
- Wie wird Gicht behandelt?
- Ernährung bei Gicht: Was darf auf den Teller?
- Bewegung und Lebensstil
- Welche Folgen kann eine unbehandelte Gicht haben?
- Häufig gestellte Fragen zu Gicht im Alter
- Fazit: Gicht ist behandelbar, Selbstständigkeit bleibt erhalten
Das Wichtigste in Kürze
- Gicht ist eine Stoffwechselerkrankung, bei der sich Harnsäurekristalle in den Gelenken ablagern und heftige Schmerzen verursachen.
- In der Schweiz sind rund 146'000 Personen betroffen, darunter etwa 70'000 Männer ab 65 Jahren.
- Über 80 Prozent der Erkrankten sind Männer. Bei Männern ab 40 ist Gicht die häufigste entzündliche Gelenkerkrankung.
- Eine Kombination aus Medikamenten und angepasster Ernährung kann die Krankheit gut kontrollieren.
Was ist Gicht?
Gicht ist eine Stoffwechselerkrankung, bei der sich Harnsäure im Körper anreichert und in Form winziger Kristalle in den Gelenken ablagert. Diese Kristalle reizen das Gewebe und lösen heftige Entzündungen aus. Der medizinische Fachbegriff lautet Arthritis urica, übersetzt etwa «Gelenkentzündung durch Harnsäure».
Harnsäure entsteht beim Abbau von Purinen, einem Bestandteil unserer Nahrung und unseres körpereigenen Gewebes. Normalerweise wird sie über die Nieren ausgeschieden. Bleibt zu viel Harnsäure im Blut zurück, spricht man von einer Hyperurikämie. Erst wenn diese erhöhten Werte über lange Zeit bestehen, kann sich daraus eine Gicht entwickeln.
Gicht ist keine reine Wohlstandskrankheit
Lange galt Gicht als Krankheit der reichen Schlemmer, die zu viel Fleisch und Wein konsumieren. Tatsächlich spielt der Lebensstil eine Rolle, doch viele Betroffene haben auch eine erbliche Veranlagung. Auch Menschen mit ausgewogener Ernährung können erkranken, wenn ihre Nieren die Harnsäure nicht ausreichend ausscheiden.
Gicht und Pseudogicht: nicht dasselbe
Gicht wird gelegentlich mit der Pseudogicht (Chondrokalzinose) verwechselt. Beide verursachen ähnliche Beschwerden, sind aber unterschiedliche Erkrankungen. Bei der Pseudogicht lagern sich Calciumkristalle statt Harnsäurekristalle in den Gelenken ab. Anders als bei der klassischen Gicht erkranken Frauen sogar fünfmal häufiger als Männer. Eine genaue Diagnose durch den Arzt ist deshalb wichtig.
Wie erkenne ich einen Gichtanfall?
Ein akuter Gichtanfall beginnt meist plötzlich und oft mitten in der Nacht. Das betroffene Gelenk schmerzt stark und reagiert empfindlich auf jede Berührung, sogar die Bettdecke kann unerträglich werden. Innerhalb weniger Stunden entwickelt sich eine deutlich sichtbare Entzündung.
Typische Anzeichen eines akuten Anfalls
- Plötzlich einsetzender, sehr starker Schmerz in einem Gelenk.
- Rötung und Überwärmung der betroffenen Stelle.
- Schwellung und glänzend gespannte Haut über dem Gelenk.
- Eingeschränkte Beweglichkeit, oft kann das Gelenk gar nicht mehr belastet werden.
- Manchmal Fieber, Schüttelfrost oder allgemeines Krankheitsgefühl.
Welche Gelenke sind betroffen?
In etwa der Hälfte aller Fälle beginnt die Gicht im Grosszehengrundgelenk. Diese typische Form hat sogar einen eigenen Namen: Podagra. Im Verlauf können auch andere Gelenke betroffen sein. Häufig sind das Sprung- oder Kniegelenk, später auch Finger, Hände oder Ellenbogen. Bei älteren Menschen treten Gichtanfälle an mehreren Gelenken gleichzeitig häufiger auf als bei jüngeren Patienten.
Wie lange dauert ein Gichtanfall?
Ohne Behandlung klingt ein Gichtanfall meist nach einer bis zwei Wochen von selbst ab. Mit einer raschen medikamentösen Therapie lassen sich die Beschwerden oft schon nach wenigen Tagen deutlich lindern. Bleibt die Krankheit unbehandelt, treten neue Anfälle in immer kürzeren Abständen auf.

Häufig beginnt die Gicht im Grosszehengrundgelenk.
Was begünstigt Gicht im Alter?
Mehrere Faktoren tragen dazu bei, dass Gicht im höheren Alter häufiger wird. Manche davon lassen sich beeinflussen, andere nicht.
Veranlagung und Geschlecht
Eine genetische Veranlagung ist häufig mit im Spiel. Männer sind aus mehreren Gründen deutlich häufiger betroffen als Frauen. Bei Frauen schützt das weibliche Hormon Östrogen vor zu hohen Harnsäurewerten. Nach den Wechseljahren steigt das Risiko jedoch auch bei Frauen an.
Ernährung und Lebensstil
Bestimmte Lebensmittel und Getränke können Gichtanfälle auslösen oder verstärken. Dazu zählen besonders:
- Rotes Fleisch und Innereien wie Leber, Niere oder Hirn.
- Wurstwaren, Schinken und stark verarbeitete Fleischprodukte.
- Bestimmte Fischarten wie Sardinen, Sardellen, Hering oder Makrele.
- Meeresfrüchte und Schalentiere.
- Bier und andere alkoholische Getränke.
- Stark zuckerhaltige Getränke und Speisen mit Fruchtzucker (Fructose).
Übergewicht und Begleiterkrankungen
Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes und erhöhte Blutfettwerte erhöhen das Gichtrisiko deutlich. Sie treten häufig gemeinsam mit der Gicht auf. Wer seinen Blutdruck im Alter oder den Cholesterinspiegel im Auge behält, tut deshalb auch etwas gegen die Gicht.
Medikamente und Nierenleistung
Mit zunehmendem Alter lässt die Nierenfunktion oft nach. Die Harnsäure wird dann langsamer ausgeschieden. Verstärkt wird dieser Effekt durch bestimmte Medikamente, die viele ältere Menschen einnehmen, etwa entwässernde Mittel (Diuretika) oder niedrig dosierte Acetylsalicylsäure. Eine Anpassung der Medikation kann nur in Absprache mit dem Hausarzt erfolgen.
Auslöser eines akuten Anfalls
Selbst wer sich grundsätzlich gut ernährt, kann einen Gichtanfall erleiden. Häufige Auslöser sind eine üppige Mahlzeit am Vorabend, viel Alkohol, Flüssigkeitsmangel, ungewohnte körperliche Anstrengung oder eine Operation. Auch Erkältungen und stressreiche Lebensphasen können einen Schub provozieren.
Tipp: Vorsicht nach dem Festessen
Klassische Auslöser eines nächtlichen Gichtanfalls sind ein Zechgelage am Vorabend kombiniert mit Schlemmereien aus viel Fleisch, Fisch oder Meeresfrüchten. Wer zu solchen Anlässen eingeladen ist, sollte massvoll zugreifen, viel Wasser trinken und Bier oder Spirituosen nach Möglichkeit meiden. Ein Glas Wein gilt als das vergleichsweise verträglichere Übel.
Wie wird Gicht diagnostiziert?
Bei Verdacht auf Gicht ist der erste Weg zum Hausarzt. Er wird typische Befunde abklären und gegebenenfalls an eine Rheumatologin oder einen Rheumatologen überweisen.
- Anamnese: ausführliches Gespräch über Beschwerden, Verlauf, Familienkrankheiten und Lebensgewohnheiten.
- Körperliche Untersuchung des betroffenen Gelenks und der umliegenden Strukturen.
- Blutuntersuchung mit Bestimmung des Harnsäurewerts und weiterer Entzündungsparameter.
- Bei Bedarf eine Punktion des Gelenks, um Harnsäurekristalle direkt nachzuweisen.
- Bildgebende Verfahren wie Ultraschall oder spezielle Computertomografie (Dual-Energy-CT) zur Darstellung von Kristallablagerungen.
Wichtig zu wissen
Ein erhöhter Harnsäurewert allein bedeutet noch keine Gicht. Viele Menschen haben hohe Werte, ohne je einen Anfall zu erleben. Erst die Kombination aus erhöhtem Harnsäurespiegel und typischen Beschwerden ergibt das Krankheitsbild.
Wie wird Gicht behandelt?
Die Behandlung der Gicht hat zwei Ziele: Den akuten Anfall rasch lindern und langfristig die Harnsäure auf einen normalen Wert senken. Beide Aspekte gehören zusammen.
Behandlung des akuten Anfalls
Bei einem akuten Anfall verschreibt der Arzt entzündungshemmende Schmerzmittel. Häufig kommen nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) zum Einsatz, in bestimmten Fällen auch Colchicin oder Kortison. Begleitend hilft es, das betroffene Gelenk hochzulagern, ruhigzustellen und mit kalten Umschlägen zu kühlen.
Wichtig: Bei der Behandlung im Alter ist besondere Vorsicht geboten. NSAR können bei eingeschränkter Nierenfunktion oder bei Magengeschwüren problematisch sein. Die Auswahl und Dosierung gehört in ärztliche Hand.
Langfristige Senkung der Harnsäure
Nach einem ersten Anfall stellt sich die Frage nach einer Dauertherapie. Diese soll verhindern, dass weitere Anfälle auftreten und sich Harnsäurekristalle in Gelenken oder Nieren festsetzen. Der angestrebte Harnsäurewert liegt nach Schweizer Behandlungsleitlinien zwischen 300 und 360 Mikromol pro Liter.
Die wichtigsten Medikamente sind Xanthinoxidase-Hemmer. Sie bremsen die körpereigene Harnsäureproduktion. Allopurinol ist der Klassiker und seit 1970 in der Schweiz zugelassen. Als Alternative steht Febuxostat zur Verfügung. Eine dritte Gruppe, die Urikosurika, fördert die Ausscheidung über die Nieren.
Eine harnsäuresenkende Therapie wird oft lebenslang eingenommen. Sie wirkt nur, wenn sie regelmässig erfolgt. Wer die Medikamente eigenmächtig absetzt, riskiert einen erneuten Anfall.

Eine gesunde Ernährung hilft gegen Gicht.
Ernährung bei Gicht: Was darf auf den Teller?
Die Ernährung kann den Verlauf einer Gicht deutlich beeinflussen. Sie ersetzt zwar keine medikamentöse Therapie, ergänzt diese aber sinnvoll. Die heutigen Empfehlungen sind weniger streng als noch vor einigen Jahrzehnten und decken sich weitgehend mit den allgemeinen Tipps für eine ausgewogene Ernährung im Alter.
Empfehlenswerte Lebensmittel
- Viel Gemüse und Salat. Selbst purinreiche Sorten wie Spinat, Spargel oder Hülsenfrüchte gelten heute als unbedenklich, da pflanzliche Purine deutlich weniger Harnsäure bilden.
- Fettarme Milchprodukte: Joghurt, Quark und Hüttenkäse können sogar das Gichtrisiko senken.
- Vollkornprodukte und Kartoffeln als Hauptbeilagen.
- Eier in moderaten Mengen, etwa zwei bis drei Stück pro Woche.
- Früchte mit niedrigem Fructosegehalt wie Beeren, Kirschen, Äpfel oder Birnen. Sauerkirschen werden in einigen Studien sogar mit weniger Anfällen in Verbindung gebracht.
- Kaffee in moderater Menge gilt als günstig.
Lebensmittel, die Sie reduzieren sollten
- Innereien, fettes Fleisch und Wurstwaren auf ein Minimum begrenzen.
- Stark purinhaltige Fischsorten wie Sardinen, Sardellen, Hering oder Makrele nur gelegentlich.
- Meeresfrüchte und Schalentiere bei häufigem Konsum prüfen.
- Hefe und Hefeextrakte (Brühwürfel, Brotaufstriche) zurückhaltend verwenden.
- Stark fructosehaltige Süssgetränke und Fertigprodukte vermeiden.
Trinken: eine wichtige Massnahme
Wer ausreichend trinkt, unterstützt die Nieren bei der Ausscheidung der Harnsäure. Empfohlen werden mindestens 1,5 bis 2 Liter ungesüsste Flüssigkeit pro Tag, am besten Wasser, ungesüsster Tee oder Mineralwasser. Bei Herz- oder Niereninsuffizienz besprechen Sie die Trinkmenge mit dem Hausarzt.
Alkohol: am besten meiden
Alkohol erhöht den Harnsäurespiegel und hemmt deren Ausscheidung. Besonders ungünstig ist Bier, weil es zusätzlich purinreiche Hefe enthält. Auch Spirituosen sind problematisch. Wein ist etwas verträglicher, sollte aber nur in geringen Mengen konsumiert werden.

Sport ist auch bei Gicht sinnvoll.
Bewegung und Lebensstil
Regelmässige Bewegung hilft beim Abnehmen, senkt den Harnsäurespiegel und wirkt sich positiv auf die Begleiterkrankungen aus. Geeignet sind moderate Ausdaueraktivitäten wie Spazieren, Wandern, Velofahren oder Schwimmen. Krafttraining ergänzt das Programm sinnvoll. Tipps für ein angepasstes Bewegungsprogramm finden Sie auf unserer Themenseite Fit im Alter.
Während eines akuten Gichtanfalls sollte das betroffene Gelenk geschont werden. In der anfallsfreien Zeit ist Bewegung jedoch wichtig, um die Gelenkfunktion zu erhalten und das Körpergewicht zu kontrollieren. Wer zusätzlich an Arthrose leidet, profitiert besonders von gelenkschonenden Sportarten.
Gicht und Arthrose: ein häufiges Doppel
Lange unbehandelte Gicht kann den Gelenkknorpel schädigen und so die Entstehung einer Arthrose begünstigen. Umgekehrt verstärken Gichtschübe bestehende Arthrose-Beschwerden. Eine konsequente Senkung der Harnsäure schützt deshalb auch die Gelenke vor weiterem Verschleiss.
Welche Folgen kann eine unbehandelte Gicht haben?
Bleibt eine Gicht über Jahre unbehandelt, kann sie zu ernsthaften Schäden führen. Dazu zählen:
- Chronische Gelenkschäden mit dauerhafter Bewegungseinschränkung.
- Sichtbare Knötchen unter der Haut (Tophi), in denen sich Harnsäurekristalle ansammeln.
- Nierensteine aus Harnsäure und langfristige Nierenfunktionsstörungen.
- Erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall.
All das spricht dafür, eine festgestellte Gicht ernst zu nehmen und konsequent zu behandeln. Wer die Therapie diszipliniert durchhält, kann ein weitgehend normales Leben führen.
Häufig gestellte Fragen zu Gicht im Alter
Ist Gicht heilbar?
Gicht ist nicht heilbar im Sinne einer einmaligen Kur, lässt sich aber sehr gut kontrollieren. Mit konsequenter Behandlung können Anfälle vermieden und Gelenkschäden verhindert werden. Ohne Therapie schreitet die Krankheit hingegen oft fort.
Muss ich für immer auf Fleisch verzichten?
Nein. Es geht nicht um totalen Verzicht, sondern um vernünftige Mengen. Mageres Geflügel oder gelegentlich rotes Fleisch in kleineren Portionen sind in der Regel verträglich. Innereien und Wurstwaren sollten Sie hingegen stark reduzieren.
Kann ich Bier trinken, wenn ich Gicht habe?
Bier gilt als besonders ungünstig, weil es Alkohol und Hefe-Purine enthält. Wer Gicht hat, sollte Bier meiden oder nur in seltenen Ausnahmefällen geniessen. Alkoholfreies Bier ist eine bessere Alternative, enthält aber ebenfalls Hefe und sollte ebenfalls in Massen konsumiert werden.
Wo finde ich in der Schweiz Hilfe und Beratung?
Erste Anlaufstelle ist der Hausarzt, der bei Bedarf an eine rheumatologische Praxis überweist. Die Rheumaliga Schweiz bietet umfangreiche Informationen, kostenlose Broschüren und kantonale Beratungsstellen. Auch Pro Senectute und Patientenorganisationen helfen weiter.
Übernimmt die Krankenkasse die Behandlung?
Ja. Die Diagnose und Behandlung der Gicht sind Teil der medizinischen Grundversorgung. Arztbesuche, Laboruntersuchungen und verschriebene Medikamente werden im Rahmen der Grundversicherung gemäss KVG übernommen. Die Franchise und der Selbstbehalt fallen wie üblich an.
Fazit: Gicht ist behandelbar, Selbstständigkeit bleibt erhalten
Gicht im Alter ist häufig, aber kein Schicksal, dem man sich ergeben muss. Mit der richtigen medikamentösen Therapie und einer angepassten Lebensweise lassen sich Anfälle verhindern und die Gelenke schützen. Wer die Krankheit ernst nimmt, kann seine Beweglichkeit erhalten und weiterhin aktiv am Leben teilnehmen.
Selbstbestimmtes Leben im Alter bedeutet auch, körperliche Beschwerden frühzeitig anzugehen, statt sie hinzunehmen. Eine konsequente Behandlung, regelmässige Bewegung und eine vielseitige Ernährung sind dabei die wichtigsten Bausteine.
Und das Beste: Die Empfehlungen für Gicht-Betroffene tun nicht nur den Gelenken gut, sie fördern auch Herz, Kreislauf und allgemeines Wohlbefinden.
Sprechen Sie offen mit Ihrem Hausarzt, wenn Sie Beschwerden bemerken oder bereits einen Anfall erlebt haben. Je früher die Behandlung beginnt, desto besser sind die Aussichten auf ein beschwerdefreies Leben.