«In der Betreuung von alten Menschen gibt es Missstände – Zeit für eine Revolution»

Immer mehr ältere Menschen möchten zu Hause betreut werden. Allerdings sind die Arbeitsbedingungen in diesem Sektor prekär. Gesundheitsökonom Heinz Locher (79) und Therapeutin Claudine Chiquet (51) möchten dies mit Care at Home ändern. «Es ist Zeit für eine Revolution.»

«In der Betreuung von alten Menschen gibt es Missstände – Zeit für eine Revolution»
Maja Sommerhalder

Um eine Protestbewegung zu starten, ist man nie zu alt. Das beweist Heinz Locher. Mit 79 Jahren geht er zwar nicht mehr auf die Strasse, dafür hat er mit seiner Partnerin Claudine Chiquet (51) vor einem Jahr ein Unternehmen gegründet.

«Ich arbeite mit Freude rund 60 Stunden pro Woche– das gibt mir Energie und hält mich jung», sagt der bekannte Gesundheitsökonom und lächelt. Schliesslich sei es für einen guten Zweck. Care at Home heisst ihr Berner Start-up, das die Betreuung von Seniorinnen und Senioren revolutionieren will. Denn in diesem Bereich herrschen laut den beiden Jungunternehmern Missstände.

23 Franken Stundenlohn, kein gesichertes Einkommen

Claudine Chiquet spricht aus Erfahrung. Die Therapeutin hat selbst für einige Jahre ältere Menschen daheim betreut. So half sie ihnen etwa bei den täglichen Verrichtungen, begleitete sie beim Einkaufen oder auch mal bei einem Ausflug. «Eine schöne und sinnstiftende Aufgabe», findet sie.

Nur habe ihr Arbeitgeber keine guten Bedingungen geschaffen. «Als Freelancerin verdiente ich um die 23 Franken pro Stunde, obwohl unsere Kunden rund 57 Franken für unsere Dienstleistungen zahlten.» Dabei sei ihr Monatseinkommen nicht gesichert gewesen: «Wenn etwa ein Senior mal keine Betreuung brauchte, konnte er mich spontan abbestellen und ich verdiente nichts.» Ebenfalls habe es trotz der grossen Verantwortung kaum Weiterbildung für das meist weibliche Personal gegeben.

«Die Politik hat die demografischen Entwicklungen verschlafen»

Letztlich seien solche Arbeitsbedingungen nicht nur für die einzelnen Angestellten problematisch, sondern auch für die ganze Gesellschaft. Denn schon in wenigen Jahren werden viele Babyboomer auf Unterstützung angewiesen sein, so Locher: «Nur werden so immer weniger Menschen bereit sein, diese zu betreuen. Bereits heute gibt es personelle Engpässe in diesem Bereich.»

Eine grosse Verantwortung trage die Politik: «Sie hat die demografische Entwicklung verschlafen und versucht nur die aktuellen Probleme des Gesundheitssystems zu lösen, statt an die Zukunft zu denken.» So müsse etwa die Politik den Markt der Seniorenbetreuung fachgerechter reglementieren und deren Einhaltung kontrollieren: «Es herrscht Intransparenz, deshalb sind solche ungerechten Arbeitsbedingungen möglich.» Ebenfalls sollte es für die Betreuenden bessere Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten geben, um ihren Status zu verbessern.

«Mit gutem Beispiel vorangehen»

Um diesen Wandel voranzutreiben, möchten nun die beiden mit Care at Home mit gutem Beispiel vorangehen. So erhalten die Angestellten fixe Monatslöhne von rund 4500 Franken und regelmässige Weiterbildungen. Ebenfalls wichtig seien eine Kommunikation auf Augenhöhe sowie wertschätzende Haltung, so Chiquet: «Ein Dankeschön oder ein Lob sind das A und O.»

Dadurch sei das Personal motivierter, wovon auch die Kundinnen und Kunden profitierten: «Vielen Klienten geht es, seit sie bei uns sind, gesundheitlich und psychisch besser, da wir nicht nur Unterstützungen bei den Alltagsaufgaben leisten, sondern auch ein offenes Ohr für sie haben.»

Personal habe sie problemlos über Mundpropaganda gefunden: «Wir mussten noch nie ein Inserat schalten und bisher gab es keine Kündigung.» Finanziell geht das gemäss den Inhabern auf. Obwohl Care at Home nicht teurer als die Konkurrenz ist, war das Unternehmen in diesem Quartal zum ersten Mal in den schwarzen Zahlen. Bisher ist es nur in der Region Bern aktiv, doch Chiquet und Locher möchten ihr Geschäftsmodell in die ganze Schweiz expandieren: «Wir sind gerade dabei, Investoren zu finden.»

Ebenfalls nutzt Locher seine Beziehungen im Gesundheitswesen, in der Politik und Wirtschaft, um gesamtgesellschaftliche Veränderungen voranzutreiben. «Die Generation der Babyboomer lässt sich nicht alles gefallen. Es gibt viel zu tun.»

«Alte Menschen werden unselbstständig gepflegt»

So missfällt ihm auch, dass Betagte zu Hause vorwiegend gepflegt statt betreut werden: «Sie werden etwa von der Spitex gewaschen, angezogen und gefüttert – das Pflegepersonal ist unter Zeitdruck. Alles muss schnell gehen, da es neben der klassischen Pflege viele administrative Aufgaben erledigen muss.»

Nur fördere diese Pflege keine Selbstständigkeit – es müsste laut Locher auch viel mehr in die Betreuung investiert werden: «Gute Betreuer unterstützen den alten Menschen eher beim Kochen oder Anziehen, statt ihnen alles abzunehmen.» Natürlich sei dies erst mal zeitaufwendiger: «Doch längerfristig hilft dies die Eigenständigkeit zu bewahren und spart so manche teure Therapiestunde.»

Über Care at Home

Care at Home unterstützt ältere Menschen mit einem breiten Angebot. Dazu gehören:

  • Hilfe beim Haushalten, Kochen oder Einkaufen
  • Begleitung zu Terminen, wie Arzt- oder Theaterbesuche sowie andere Therapien
  • Unterstützungen bei der Körperpflege oder anderen täglichen Verrichtungen
  • Betreuung in der letzten Lebensphase oder bei Demenz
  • Hilfe bei Korrespondenzarbeiten

Die Klienten zahlen zwischen 48 (Hauswirtschaft) und 85 (Spezialbetreuung) Franken für diese Dienstleistungen. 

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