Altersforscherin Perrig-Chiello: «Ältere sind zumeist zufriedener als Jüngere – trotz aller Verluste»

Viele fürchten das Alter. Dabei zeigt die Forschung: Ältere Menschen sind meistens zufriedener als jüngere. Die Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello erklärt, wie man gut altert, warum Anti-Aging ein aussichtsloser Kampf bleibt und weshalb vor allem Frauen unter Altersdiskriminierung leiden.

Portrait von Pasqualina Perrig-Chiello.
Pasqualina Perrig-Chiello: «Im Alter sind krisenerprobter und können besser mit Widerwärtigkeiten umgehen.»
Maja SommerhalderFolgen

Das Alter hat keinen guten Ruf. Warum dieses negative Bild?
Pasqualina Perrig-Chiello:
Die Beziehung zum Älterwerden war schon immer sehr ambivalent. Früher wurde die Hochaltrigkeit gerühmt und heute ist Longevity ein Riesenthema. Doch das Alter hat für viele etwas Beängstigendes. Es wird mit Verlusten und Defiziten in Verbindung gebracht.

Ist das nicht so?
Wie in jeder anderen Lebensphase gibt es auch im Alter Gewinne und Verluste. Mit zunehmendem Alter überwiegen die Verluste. Wir verlieren an Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Kraft. Geliebte Menschen sterben. Gleichzeitig profitieren wir von unserer Lebenserfahrung. Wir sind krisenerprobter und können besser mit Widerwärtigkeiten umgehen. Wir wissen genau, was uns in solchen Momenten guttut.

Ältere Menschen sind also resilienter als jüngere?
Ja, das haben etwa Befragungen während der Corona-Pandemie gezeigt. Jüngere Menschen hatten die schlechteren Werte. Sie litten häufiger unter Depressionen, während die Altersgruppe 60 bis 75 die Krise am besten überstand. Man nennt das auch das Paradox des Wohlbefindens im Alter: Ab 55 oder 60 Jahren steigt die Lebenszufriedenheit an, obwohl man mehr Verluste erleidet. Erst ab 80 kann sie wieder sinken, aber die Unterschiede sind im hohen Alter extrem. Einige 80-Jährige sind topfit, während andere Pflege brauchen.

Warum sind junge Alte zufriedener?
In der Lebensmitte ist im Schnitt das Wohlbefinden an einem Tiefpunkt. In diesen Jahren hat man so viele berufliche und private Aufgaben und die körperlichen Veränderungen fangen an. Die meisten Scheidungen finden in dieser Lebensphase statt. Erst im Alter werden die Verpflichtungen weniger, und nach der Pensionierung erleben die meisten von uns eine ganz neue Freiheit. Zusätzlich verfügt man über ein besseres Selbstmanagement und mehr Gelassenheit.

Über Pasqualina Perrig-Chiello

Prof. em. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello ist promovierte Entwicklungspsychologin und Systemische Familientherapeutin. Ihre Habilitation absolvierte sie 1996 an der Universität Bern, wo sie von 2003 bis zu ihrer Emeritierung als Professorin für Entwicklungspsychologie der Lebensspanne lehrte und forschte.

Sie ist in Medien wie Fernsehen und Print regelmässig als Expertin zu den Themen Lebensmitte und Alter präsent. Zu diesen Schwerpunkten hat sie mehrere Bücher veröffentlicht. Ihr aktuelles Sachbuch «Own your Age» beschäftigt sich damit, wie das Älterwerden selbstbestimmt, erfüllend und beglückend gestaltet werden kann.


Im Alter besinnt man sich wieder mehr auf sich selbst, heisst es.
Nicht nur. Man kann doch für alles Mögliche offen sein. Die Rückbesinnung auf sich selbst geschieht vor allem im höheren Alter. Hier sollte man ohnehin stärker differenzieren. Es gibt nicht «das Alter». Eine 65-Jährige hat eine ganz andere Lebenswelt als eine 85-Jährige. Das sind zwei Generationen. Es würde doch niemand eine 20-Jährige mit einer 50-Jährigen vergleichen.

Was braucht es, um auch im höheren Alter ein glückliches Leben zu führen?
Gute Rahmenbedingungen. Nicht umsonst haben wir in der Schweiz die weltweit höchste Lebenserwartung. Wir haben keine Kriege sowie ein gutes Gesundheits- und Sozialsystem. Doch das System muss auch im Kleinen stimmen. Menschen in erfüllenden Partnerschaften und in sozialen Netzen sind gesünder und leben länger. Doch letztlich ist jeder auch selbst für sein eigenes Wohlergehen verantwortlich. Am besten, wir investieren schon in den mittleren Jahren in einen gesunden Lebensstil und unsere Beziehungen. Menschen mögen Routinen. Einen liebgewonnenen Lebensstil geben wir nicht so schnell auf.

Aber immer nur gesund zu leben, ist auch nicht leicht.
Wir alle wissen, dass wir uns gesund ernähren, wenig Alkohol trinken, nicht rauchen und uns bewegen sollten. Doch zwischen Wissen und Tun ist eine Lücke. Unsere Charakterstärke hilft uns, diese Lücke zu schliessen und macht uns resilienter. Neugierde, Hoffnung, Dankbarkeit und Gewissenhaftigkeit sind ebenfalls stark mit der Langlebigkeit verbunden. Wir sollten auch im Alter unseren Alltag strukturieren und uns gesellschaftlich einbringen können. Dafür brauchen wir eine Aufgabe, für die wir brennen.

Doch das ist nicht immer möglich. Im Alter kann uns auch eine schwere Krankheit treffen.
Richtig. Menschen gehen aber mit solchen Schicksalen unterschiedlich um. Einerseits geht es um die Akzeptanz, andererseits um die Aktivierung der eigenen Kräfte. Man kann auch bei einer schlimmen Diagnose aktiv werden und das Gute darin sehen. Aber es lohnt sich nicht, gegen das Schicksal anzukämpfen. Das bedeutet nur Stress. Ein zufriedener 90-Jähriger hat mal zu mir gesagt: Es ist wie auf einem Boot auf hoher See. Der da oben schickt Wind und Wetter. Rudern muss man selber.

Oft ist die Pensionierung mit Umbrüchen verbunden. Wie kommt man da gut durch?
Vor allem Männer empfinden das so, die sich nur über den Beruf definiert haben. In Wirklichkeit ist aber die Pensionierung ein Übergang. Noch nie konnten wir diese Zeit so frei gestalten wie heute. Wir müssen gewisse Rollen loslassen, können aber auch neue finden. Es ist eine grosse Chance, sich neu zu erfinden und eine neue Seite an sich zu entdecken.

Sie selbst sind auch im Ruhestand in der Forschung tätig. Sie schreiben Bücher und geben Ihr Wissen in Vorträgen und in den Medien weiter.
Ich brauche verschiedene Aufgaben, damit es mir nicht langweilig wird. Diese Aufgaben kamen von selbst, was ein grosses Privileg ist. Überhaupt ist es ein Privileg, dass ich zum Thema Altern forschen durfte. Ich habe nicht nur theoretisches Wissen, sondern auch Vorbilder. So weiss ich, worauf es beim guten Altern ankommt. Seit meiner Pensionierung kann ich endlich Bücher schreiben. Zwei davon sind erschienen und sind Bestseller. Derzeit schreibe ich ein Buch über die jungen Alten. Vor allem die Frauen verändern viel zum Positiven.

Warum?
Frauen leiden besonders stark unter Altersdiskriminierung. Doch nun kommt eine neue Generation von Frauen mit besserer Bildung und Gesundheit in diese Lebensphase. Diese haben Ansprüche und akzeptieren nicht mehr alles stillschweigend. Sie sind es gewohnt zu kämpfen und sind politischer. Übrigens: Am 15. Juni wird eine Petition beim Bund hinterlegt, die vor Altersdiskriminierung schützen soll

Trotzdem bleibt unsere Gesellschaft sehr jugendfixiert. Longevity ist in aller Munde.
Das war die Gesellschaft schon immer. Heute haben wir aber mehr Möglichkeiten, mit Supplementen oder Schönheitsoperationen dem Altern entgegenzuwirken. Durch die sozialen Medien ist das Thema virulent und konsumgetrieben geworden. Viele möchten bis ins hohe Alter faltenfrei bleiben.

Allerdings ist dieses Anti-Aging ein Kampf, den wir alle verlieren. Menschen, die sich primär über ihr Äusseres und ihre Leistungsfähigkeit definieren, geraten früher oder später unter Druck. Denn mit zunehmendem Alter können sie ihre Anforderungen nicht mehr erfüllen. Doch nicht nur Einzelpersonen haben eine Schuld, sondern auch die Politik.

Inwiefern?
Mit dem Renteneintritt gehört man zu den Alten. Plötzlich hat man keine gesellschaftliche Funktion mehr. Das fängt schon im mittleren Alter an. Bereits 45-Jährige werden im Arbeitsleben als Problemgruppe angesehen. Gleichzeitig verlangt die Politik, dass wir länger arbeiten. Nur wie soll das gehen, wenn man Altersdiskriminierung erfährt und keinen Job findet? Wir sollten uns von diesen starren Altersgrenzen lösen und das Rentenalter flexibler gestalten. Eine diverse Arbeitswelt sollte alle Altersgruppen berücksichtigen.

Mit 45 gehöre ich also schon zum alten Eisen auf dem Arbeitsmarkt. Was kann ich dagegen tun?
Man muss sich nicht einschüchtern lassen, sondern sich in den Betrieben für einen Generationenmix einsetzen. Ältere Arbeitnehmende müssen nicht immer ihre Erfahrungen betonen, denn Wissen veraltet zügig. Stattdessen sollten sie sich weiterbilden und innovativ bleiben. Auch jüngere Menschen sollten sich bewusst werden, dass sie irgendwann von Altersdiskriminierung betroffen sein werden.

Sie forschen seit vielen Jahren zum Thema Altern. Wie hat sich Ihr eigener Blick darauf verändert?
Wie die meisten Menschen wusste ich nichts über das Alter. Seit ich mit meiner Forschung vor mehr als 30 Jahren begann, habe ich wertvolle Einsichten bekommen. Mein Blick auf das Alter hat sich damit sehr differenziert. Das kalendarische Alter ist nur eine Variable unter vielen. Auch habe ich wunderbare Vorbilder gewonnen, die mir gezeigt haben, wie man glücklich altert. Diese sind wichtig, damit das Thema nicht nur mit Verlust, Abhängigkeit und Pflegebedürftigkeit verknüpft wird.

Was machen Sie persönlich, um gut zu altern?
Meine Aussage zur Charakterstärke nehme ich sehr ernst. Ich bin neugierig, lese und schreibe viel. Der Drang, mich fortzubilden und weiterzuentwickeln, ist gross. Auf meinem Nachttisch liegen fünf Bücher in verschiedenen Sprachen. Doch ich pflege auch meine Freundschaften, meine Partnerschaft und meine Familie. Es ist bereichernd, mit Menschen unterschiedlichen Alters Kontakt zu haben.

Wie sieht es mit der körperlichen Fitness aus?
Seit über 30 Jahren mache ich Krafttraining und gehe täglich 7000 Schritte. Während das Gehen an strengen Arbeitstagen manchmal zu kurz kommt, absolviere ich mein Krafttraining jedoch sklavisch zweimal pro Woche. Krafttraining, also Bewegung generell, ist wichtig zum Erhalt der kognitiven Kompetenzen und der Autonomie.

Macht Ihnen die Vorstellung, einmal pflegebedürftig zu sein, Angst?
Das hohe Alter löst bei mir Respekt aus, und ich setze mich je länger je mehr damit auseinander. So erstellte ich bereits eine Patientenverfügung. Denn ich möchte nach meinen Vorstellungen behandelt werden, wenn ich diese nicht mehr äussern kann. Positiv stimmt mich, dass es immer mehr Angebote für hochaltrige und pflegebedürftige Menschen gibt. Die ambulanten Dienste und das Betreute Wohnen wurden stark ausgebaut. Man kann für sich das passende Angebot wählen. Natürlich ist es schön, zu Hause alt zu werden. Doch manchmal sind ältere Menschen in einer Institution besser aufgehoben.

Tags