Lesefutter für Gartenfreunde: Wenn Geschichten Wurzeln schlagen
Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt. Zugleich liefern Gärten seit jeher Stoff für Literatur. Zwischen Beeten und Wegen entfalten sich Geschichten über das, was wächst, verwelkt und wiederkehrt – vier Buchtipps.

Text von Isabella Seemann
Gärten sind mehr als grüne Oasen. Sie sind Seelenlandschaften, in denen Zeit atmet und Vergänglichkeit sichtbar wird. In der Literatur werden sie zu sinnlichen Bühnen: Rosenduft birgt Geheimnisse, verwilderte Winkel bergen verlorene Kindheiten, strenge Beete spiegeln innere Unruhen. Blüten öffnen sich wie Erinnerungen, welke Blätter fallen wie verpasste Chancen.
In den hier versammelten Büchern sind Gärten Rückzugsort und Konfrontationsraum zugleich, Metaphern für Wachstum, Schnitt und Erneuerung. Sie verbinden Natur und menschliche Beziehungen, spiegeln innere Prozesse und gesellschaftliche Spannungen. Sie laden ein: innezuhalten, zu riechen, zu tasten – und die eigene Wildnis wiederzufinden.

Diese vier Bücher drehen sich rund um das Thema Garten.
1. Wenn Blumen erzählen
«Mein Vater war Gärtner. Jetzt ist er ein Garten.» Mit diesem Satz beginnt «Der Gärtner und der Tod» von Georgi Gospodinov, eine zutiefst berührende, poetische und tröstende Meditation über Verlust, Erinnerung und das Weiterleben im Grünen. Der vielfach prämierte bulgarische Schriftsteller entfaltet in 91 kurzen Kapiteln ein inniges Porträt seines Vaters und eine autofiktionale Elegie, die den krebskranken Mann in seinen letzten Wochen und Monaten begleitet.
Der Garten, den er zeitlebens hingebungsvoll pflegte, wird zur zentralen Metapher: ein Ort des Wachsens, des Vergehens und der Erneuerung.
Während der Vater schwächer wird, liest der Sohn die Beete wie eine Biografie. Tulpen erscheinen als erste Frühlingsgrüsse, welke Blätter als Zeichen der Vergänglichkeit, das Summen der Bienen als Lebensbekenntnis. Der Garten setzt dem Tod eine andere Logik entgegen. Pflanzen sterben, um wieder und wieder aufzublühen. Sie kennen eine Form der Auferstehung, die dem Menschen versagt bleibt. Georgi Gospodinov verbindet sinnliche Details wie pilzig riechende Erde nach dem Regen, raschelndes Laub und den Duft reifer Tomaten mit Reflexionen über Liebe, die sich in Taten zeigt, über südosteuropäische Geschichte und über die zarte Widerständigkeit des Alltäglichen.
Der Gärtner und der Tod: Ein Sohn liest im Garten die Lebensspuren seines sterbenden Vaters. Eine poetische Erzählung über Abschied, Erinnerung und das, was bleibt. Tröstlich und von grosser Schönheit.
Georgi Gospodinov, Aufbau, Fr. 22.90
Hier bestellen2. Die Gelassenheit des Gärtners
Ein alter Mann sitzt am Fenster seines Häuschens, blickt auf den Park, den er ein Leben lang gepflegt hat, und lässt seine Gedanken in eine Vergangenheit voller Duft und Farbe zurückwandern. Es war eine lange Reise. Von dieser erzählt Reginald Arkell in «Pinnegars Garten», einem wiederentdeckten Kleinod der englischen Literatur. Schon nach wenigen Seiten weiss man: Die Welt wäre eine schönere, wenn die Leute sich mehr mit den Dingen des Gartens beschäftigen würden.
Herbert wird in einem Weidekorb vor die Haustür der Familie Pinnegar gelegt. Ein lahmendes Bein und seine unbekannte Herkunft nähren in ihm ein Gefühl der Minderwertigkeit – bis er seine Liebe zu den Blumen entdeckt. Gegen alle gesellschaftlichen Erwartungen im ausgehenden viktorianischen Zeitalter setzt er durch, dass er im Herrenhaus als Gärtnerjunge arbeiten kann. Er lernt, Böden zu lesen, Pflanzen zu verstehen, Rückschläge auszuhalten. Pinnegars kühnste Bubenträume gehen trotz zweier Weltkriege in Erfüllung: Er darf bei den Blumen- und Gemüseschauen als Preisrichter amten und macht sich einen weithin geachteten und fast sagenhaften Namen: der «alte Krauter».
Hinter diesem einfachen vordergründigen Geschehen steckt Tieferes: Liebe und Treue zu den Blumen und zur Erde, wie der widerborstige und liebenswerte Pinnegar sie pflegt, heisst zugleich Liebe und Treue zu allem Gewachsenen und Gewordenen, zum Leben selbst, zu einem im eigentlichen Sinne menschlichen Dasein.
Pinnegars Garten: Ein Findelkind mit lahmem Bein trotzt allen Widerständen und wächst in der Welt der Gärten über sich hinaus – weise, zutiefst menschlich und voller englischem Charme.
Reginald Arkell, Unionsverlag, Fr. 28.90
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3. Gegenwelt auf der Klippe
Der 16-jährige Robert will unbedingt das Meer sehen, bevor er seinem Vater in den Kohleschacht folgt. Wie alle Männer der Familie soll er Bergmann werden. Der Krieg ist zu Ende, doch hat er wie eine schwarze, giftige Blume in den Herzen der Menschen Wurzeln geschlagen. Auf seiner Wanderschaft entlang der Steilklippen Südenglands trifft er vor einem abgelegenen Cottage die exzentrische Dulcie – eine alte Frau, die nur noch auf den Tod wartet und doch so lebendig ist, voller Neugier, Mut und Weltoffenheit.
Ganz anders als Robert. Ihre Begegnung verändert alles, für beide. Robert schlägt vor, ihren überwucherten Garten zu pflegen – im Tausch gegen Kost und Logis. Aus ein paar Tagen werden Jahre.
Zwischen rankendem wildem Wein und der freigeistigen Atmosphäre des Ortes lernt der Jugendliche, dass Pflicht nur eine Variante des Daseins ist. Dulcie zeigt ihm das andere: ein Leben mit offenen Wunden, Genuss und Freiheit.
Der britische Schriftsteller Benjamin Myers webt die Natur meisterhaft in sein Buch «Offene See» ein – sie ist weder Kulisse noch blosse Metapher, sondern Mitspielerin. Salzige Luft, knisterndes Riedgras und der Duft von wildem Thymian fügen sich in eine Coming-of-Age-Geschichte ein, die zugleich eine Rebellion gegen die Enge der Welt ist. Ein kleines, lebensbejahendes Buch, das die Seele weit macht wie die See.
Offene See: Ein junger Mann flieht vor der Kohlegrube ans Meer. Zwischen Klippen und wildem Garten öffnet ihm eine ungewöhnliche Begegnung den Blick auf die Freiheit und ein anderes Leben.
Benjamin Myers, DuMont, Fr. 22.90
Hier bestellen4. Das Paradox des Paradieses
Mit der gefeierten britischen Essayistin und Kulturkritikerin Olivia Laing wird der Garten zum Denkraum. «Der Garten und die Zeit» beginnt als Chronik der Restaurierung eines von Winden und Quecken überwucherten Paradieses im englischen Suffolk während des Lockdowns 2020, als Privatheit und Isolation eine neue politische Schärfe erhielten. Während Laing draussen schaufelt, jätet, Beete formt und Wege legt, plagen sie Schuldgefühle: Nicht jeder konnte die Pandemie in einer grünen Oase überstehen.
So macht sie sich daran, die kulturellen Schichten unter dem Humus freizulegen. Dabei entdeckt sie, wie eng Gartenideen mit Fragen von Besitz, Ausschluss und Macht verbunden sind. Sie geht auf Exkursionen in die Geschichte, durchstreift literarische, philosophische und reale Gärten und zeigt, dass sie mit den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen ihrer eigenen Entstehung verflochten sind und trotzdem immer wieder utopische Gegenentwürfe ermöglichen.
«Es ist sinnlos, Eden auf der Landkarte zu suchen», schreibt Laing. «Eden ist ein Traum, den wir im Herzen tragen: ein fruchtbarer Garten, ausreichend Zeit und Raum für uns alle.» Und dennoch, so fügt sie hinzu, lohnt es sich stets, einen Garten anzulegen – und sei der Aufenthalt darin noch so kurz. Ein sprachgewaltiges, sinnliches und forderndes Werk, das weit über botanische Liebhaberei hinausreicht.
Der Garten und die Zeit: Ein verwilderter Garten führt zu Fragen nach Besitz, Gemeinschaft und Verantwortung in einer ungleichen Welt. Eine sinnlich-philosophische Reise durch Geschichte und Natur.
Olivia Laing, übersetzt von Thomas Mohr, S. FISCHER, Fr. 36.90
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