Model und Schauspielerin mit 83: «Ich habe keinen Grund, neidisch auf die Jungen zu sein»
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Model und Schauspielerin mit 83: «Ich habe keinen Grund, neidisch auf die Jungen zu sein»

Ob auf einem Werbeplakat oder in einem Werbespot: Vor der Kamera macht Vreni Brun (83) stets eine gute Figur. Ihre ungewöhnliche Karriere als Schauspielerin und Model begann die Bernerin aber erst als Rentnerin. Mittlerweile hat sie in rund 300 Produktionen mitgewirkt.

Vreni Brun (83) ist als Model und Schauspielerin gefragt (Bild: Christine Strub). Vreni Brun (83) ist als Model und Schauspielerin gefragt (Bild: Christine Strub).
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Ricardo Tarli am 4.3.2022

Vreni Brun, seit Ihrer Pensionierung stehen Sie als Filmdarstellerin und Model vor der Kamera. Wie wurden Sie entdeckt? Während meines Berufslebens spielte ich immer viel Theater und besuchte nebenbei Theaterkurse. Der Übergang zur Film- und Werbebranche hat sich dann so ergeben. Ein Freund fragte mich an für eine Statistenrolle im Fernsehkrimi Tatort. In der Folge «Time-out» von 2001 spielte ich eine Augenzeugin eines Banküberfalls. Das war meine erste grosse Filmproduktion. Mein erstes grosses Fotoshooting hatte ich vor ungefähr zehn Jahren. Das war für eine Privatbank.
Arbeitswelt
Sie sind kein Laufsteg- oder Beauty-Model, sondern werden hauptsächlich als Darstellerin für Werbespots gebucht. Wo sehen Sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen diesen Disziplinen? Die Grenzen sind fliessend. Sowohl als Fotomodel wie auch als Darstellerin in einem Werbeclip muss man sich gerne vor Publikum präsentieren wollen und bereit sein, in verschiedene Rollen zu schlüpfen sowie sein Aussehen zu verändern. Schauspieler verfügen über ein ausdrucksstarkes Äusseres und können sich vor der Kamera, egal ob für Foto oder Film, gekonnt und glaubhaft in Szene setzen.
Was gefällt Ihnen besonders an diesem Job, der für eine Rentnerin eher ungewöhnlich ist? Dass ich immer wieder in unterschiedliche Rollen schlüpfen und aus mir heraus kommen kann. Vor der Kamera werde ich zu einer kleinen Rampensau (lacht). Privat bin ich ganz anders, zurückhaltend, und stehe eigentlich nicht gerne im Mittelpunkt. Mir gefällt auch das ganze Drum und Dran, die interessanten Leute, die man am Set trifft.

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Eine Ihrer Stärken ist die Wandelbarkeit. Sie können für so gut wie alles eingesetzt werden, zum Beispiel als rappendes Grosi in einem Werbefilm für die Migros. Woher schöpfen Sie die Inspiration? Grundlage ist zum einen das schauspielerische Handwerk, das ich mir in Kursen im In- und Ausland angeeignet habe. Zum anderen schöpfe ich aus meiner Lebenserfahrung.
Wie machen Sie das? Ich hatte eine traurige Kindheit, die mich prägte. Ich stamme aus ärmlichen Verhältnissen. Meine Eltern schickten mich zur Feldküche der Armee, damit ich dort eine warme Mahlzeit, eine Suppe oder einen Eintopf, bekomme.
In der Schule wurde ich von den Lehrern gemobbt. So durfte ich beispielsweise nie die Maria im Krippenspiel spielen. Meine Kindheit war geprägt von Angst, Verzweiflung und Ungerechtigkeit. Deshalb fällt es mir nicht sonderlich schwer, solche Emotionen glaubhaft vor der Kamera zu zeigen.

Über Vreni Brun

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Foto: Christine Strub
Vreni Brun (83), geboren und aufgewachsen in Interlaken, ist seit über zwanzig Jahren als Filmdarstellerin und Model tätig. Vor ihrer Pensionierung war die gelernte Bürokauffrau während 25 Jahren als Sachbearbeiterin im Generalsekretariat des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS, ehemals EMD) angestellt. Sie ist geschieden und lebt in Ebikon bei Luzern.
Welches war Ihre letzte Produktion? Das war ein Imagefilm für ein Spital. Darin spiele ich eine Patientin. In den letzten zwanzig Jahren habe ich in rund dreihundert Spielfilmen, Kurzfilmen und Werbespots mitgemacht. Die Auftraggeber waren zum Beispiel ein Wintersportort, eine Seniorenresidenz oder eine Apothekenkette. Auf Plakaten und in Prospekten war ich als Supermarkt-Kundin abgebildet.
Es gibt in Ihrem Alter nur wenige, die das Zeug zum Model oder zur Filmdarstellerin haben. Sie werden als pfiffige Seniorin beschrieben mit einer natürlichen Ausstrahlung und ohne Allüren. Welche weiteren Eigenschaften braucht es, um sich in dieser Branche behaupten zu können? Die Bereitschaft viel zu reisen. Das bedeutet früh morgens auf den Zug und erst spät abends nach Hause komme. Wichtig sind auch Neugierde und eine grosse Leidenschaft, in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen. Für Filmarbeiten braucht man zusätzlich eine geistige Beweglichkeit, damit man sich die Texte gut merken kann.
Was raten Sie Seniorinnen, die sich für diesen Job interessieren? Wenn man die oben genannten Eigenschaften mitbringt und sich natürlich und authentisch vor der Kamera präsentiert, dann spielt das Alter eigentlich keine Rolle.
Mit welchen Schwierigkeiten hatten Sie als Anfängerin zu kämpfen? Ich hatte keine grossen Startschwierigkeiten. Was in jedem Fall hilft, ist, mit Mut und einem gesunden Selbstbewusstsein an die Sache ranzugehen.
Haben Sie Lampenfieber? Ja, je älter ich werde, desto stärker wird es (lacht), vor allem, wenn ich viel Text habe. Meistens schlafe ich die Nacht zuvor unruhig.
Ihre Kolleginnen sind deutlich jünger als Sie. Blicken Sie ab und zu neidvoll auf die Jungen? Ich habe keinen Grund neidisch auf die Jungen zu sein, denn ich fühle mich gut in meinem Alter.
Neuerdings machen sogar Rentnerinnen bei Germanys Next Top Model mit. Was halten Sie davon? Ich bin kein Fan dieser Sendung. Aber wenn die Seniorinnen mit Lust und Freude vor der Kamera stehen, ist es doch voll okay.
Sie haben mit bekannten Musikern und Schauspielern zusammengearbeitet. In der Romanverfilmung «Der grosse Kater» standen Sie gemeinsam mit Bruno Ganz vor der Kamera. Bitte plaudern Sie ein wenig aus dem Nähkästchen. Da muss ich Sie enttäuschen, ich habe nichts zu erzählen. Bruno Ganz wurde von seiner Entourage abgeschottet. Es war untersagt, mit ihm zu sprechen. Meistens tauchte er nur kurz am Set auf, spielte seinen Part und verschwand gleich wieder.
Man sieht Sie auch in Musikvideos zu den Songs «Frohi Wienacht» und «MoMoll» von Bligg. Wie war die Zusammenarbeit mit dem Schweizer Rapper? Die Drehs mit Bligg waren immer spannend. Er ist ein attraktiver Mann, mit guten Umgangsformen und einer positiven Lebenseinstellung. Ich mag ihn, weil wir auf einer Wellenlänge sind.
2019 durften Sie ihn sogar über den roten Teppich an der Verleihung der Swiss Music Awards begleiten. Das war ein Höhepunkt meiner Karriere. Er stellte mich als seine neue Freundin vor. Natürlich war das nur ein Gag für seine Fans und die Presse.
Der Liebe wegen sind Sie vor vier Jahren von Bern nach Ebikon zu ihrem Partner gezogen. Wie hat Ihr Umfeld zu diesem Neuanfang mit 79 reagiert? Mit Unverständnis. Ich wurde etwa gefragt, ob ich nicht lieber in ein Altersheim oder in eine Alterswohnung ziehen wolle.
Was haben Sie geantwortet? Dass ich mich topfit fühle und den Haushalt selber machen kann. Mein Partner und ich kennen uns schon seit zwanzig Jahren. Eine Fernbeziehung ist auf Dauer anstrengend.
Leben Sie in einer gemeinsamen Wohnung? Nein, aber wir wohnen im gleichen Haus. Uns war wichtig, dass jeder einen Rückzugsort hat.
Bis zu Ihrem Umzug lebten Sie sechzig Jahre lang in Bern. Vermissen Sie Ihre Freunde und Bekannten? Nein, meine Freunde sind in der ganzen Schweiz und im Ausland verstreut und wir haben regen Kontakt. In Ebikon habe ich rasch neue Bekanntschaften knüpfen können.
Sie führen ein selbstbestimmtes Leben. Das war nicht immer so. Ja, erst seit ich geschieden bin. Ich war sechzig, als mein Ex-Mann nach 35 Ehejahren die Scheidung einreichte. Quasi von heute auf morgen war ich auf mich allein gestellt und musste mein Leben selbst in die Hand nehmen. Das ist mir zunächst schwergefallen. Es gab vieles zu organisieren, eine neue Wohnung suchen, den Umzug vorbereiten, administrative Dinge erledigen und ähnliches.
Was bedeutet ein selbstbestimmtes Leben für Sie? Niemanden um Erlaubnis fragen zu müssen, bevor ich eine Reise mache oder einen Job annehme. Ich bin finanziell unabhängig und deshalb in der komfortablen Situation, nicht jedes Angebot annehmen zu müssen. Zu einem selbstbestimmten Leben gehört für mich auch den eigenen Tod zu regeln. Ich habe eine Patientenverfügung gemacht und meine Bestattung geplant.
Nun sind Sie 83. Wie lange möchten Sie noch vor der Kamera stehen? Solange ich gesund bin, Energie und Freude daran habe, vorausgesetzt, ich bin noch gefragt bei Produzenten und Regisseuren.


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