Über Umwege nach Rovato: Wie Marcello mit einem Wodka aus Weintrauben alles veränderte

Manche Reisen folgen einem Plan. Andere entwickeln sich erst unterwegs zu dem, was sie werden sollen. So wie unsere Tour ins norditalienische Rovato und zu Marcello Bruschetti.

Marcello Bruschetti vor seinen Gin-Flaschen.
Marcello Bruschettis Brand für Wodka und Gin trägt den Namen EVO o de V, eine Anspielung auf «Eau de Vie». Bilder: zvg
Enzo DestinoFolgen

Vor wenigen Tagen war ich wieder in Italien – dieses Mal bewusst abseits der bekannten Routen. Keine Städte, die man abhakt, keine Sehenswürdigkeiten, die man fotografiert, weil es alle tun. Stattdessen eine Reise zu Menschen, deren Arbeit Haltung ist. Menschen, die man nicht findet, wenn man sich nur an Reiseführern orientiert.

Der Weg begann in Zürich, führte mich über Locarno – mit einem alten Freund, einem Gespräch, das eigentlich noch Stunden hätte weitergehen müssen – und brachte mich schliesslich spätabends in eine Region, die ich bis dahin nicht kannte: Franciacorta.

Diese sanfte Hügellandschaft nahe dem Lago d’Iseo ist vor allem für ihre Schaumweine bekannt, wirkt aber gleichzeitig angenehm zurückgenommen. Mein Quartier für die Nacht, das Relais Franciacorta, war unspektakulär im besten Sinne – ruhig, unaufgeregt, mit genau jener leisen Authentizität, die oft mehr erzählt als jedes Designkonzept.

Das Hotel Relais Franciacorta ist nur fünf Fahrtminuten vom Lago d’Iseo entfernt. 

Das Hotel Relais Franciacorta ist nur fünf Fahrtminuten vom Lago d’Iseo entfernt. 

Der eigentliche Grund meiner Reise wartete am nächsten Morgen in Rovato.

Marcello Bruschetti – ein Name, den man sich merken sollte

Marcello Bruschettis Brand für Wodka und Gin trägt den ebenso spielerischen wie klugen Namen EVO o de V, eine Anspielung auf «Eau de Vie». Im Italienischen wirkt das fast sperrig, im Klang aber sofort verständlich – zumindest für jene, die das Französische im Ohr haben. Marcello nimmt es mit einem Lächeln: Nicht jeder versteht den Witz. Ich schon, und genau das machte den Einstieg in unser Gespräch so angenehm.

Sein Anwesen erzählt von Generationen. Bereits sein Bisnonno, also Ur-Ur-Großvater, war im Lebensmittelbereich tätig. Damals mit einer Molkerei und Käserei – hier entstand einer der ersten Parmesankäse der Region. Die Gebäude haben Charakter, nichts wirkt glatt oder inszeniert. Es ist kein durchgestylter Ort, sondern ein gewachsener. Und genau deshalb passt er zu ihm.

Ein Wodka aus Wein – zum Scheitern verurteilt? 

Der Weg zur Destillation begann für Marcello eher zufällig – im Juni 2010 in Spoleto. Dort traf er auf Luciano Brotto, einen der grossen Namen der italienischen Brennkunst. Bei einer Verkostung probierte er ein Destillat, das in heimischen, ungewöhnlichen Hölzern gereift war. Was zunächst nur ein Experiment war, wurde für ihn zum Wendepunkt. In diesem Moment wurde klar: Die Welt der Spirituosen ist längst nicht auserzählt.

Der vielleicht spannendste Teil seiner Arbeit ist jedoch ein Projekt, das ihn lange begleitet hat: die Entwicklung eines Wodkas auf Basis von Weintrauben.

Die Idee klingt fast naheliegend und ist doch ungewöhnlich – ein mediterraner Wodka, nicht aus Getreide, sondern aus Wein gewonnen. Das Ziel: ein weicheres, runderes Geschmacksbild. Doch die Praxis zeigte sich zunächst ernüchternd. Unabhängig von der verwendeten Rebsorte blieb das Ergebnis erstaunlich ähnlich. Die Vision schien zu scheitern.

Doch dann kam die zündende Idee

Die entscheidende Wendung kam durch einen Impuls von Brotto: die Destillation von teilweise fermentiertem Wein. Also ein Stadium, in dem noch Restzucker vorhanden ist. Für diesen Ansatz wählten sie Glera – jene Traube, die auch die Basis für Prosecco bildet.

Das Resultat veränderte alles. Ein Destillat, das in seiner Klarheit an klassischen Wodka erinnert, im Abgang jedoch eine unerwartete Weichheit zeigt. Marcello nennt ihn «mediterran» – ein Begriff, der weniger geografisch als vielmehr sensorisch gemeint ist. Sonne bedeutet Reife, Reife bedeutet Zucker, und Zucker trägt Geschmack.

Dieser Wodka wurde schliesslich zur Grundlage seines Gins. «Flake» nennt er die beiden Italien-Gins – ein Destillat, das auf eben diesem Wein-Wodka basiert und mit Botanicals arbeitet, die man eher im Süden als im Norden Europas verorten würde: Bergamotte, Cedro, getrocknete Moscato-Trauben, Kamille, Feige, Blaubeere und leicht angerösteter Rosmarin. Mit 47 Prozent Alkohol ist er intensiv, gleichzeitig so konzentriert, dass bereits kleine Mengen ausreichen, um einem Drink Tiefe zu geben.

Mit weniger Alkohol geht es auch

Auch über den Trend alkoholfreier Spirituosen sprachen wir. Marcello begegnet ihm mit einer klaren Haltung. Für ihn ist ein Gin ohne Alkohol letztlich nichts anderes als aromatisiertes Tonic – und entsprechend kein Ersatz, sondern ein anderes Produkt.

Seine Antwort darauf ist ein Gin mit reduziertem Alkoholgehalt von 20 Prozent, der in Kürze erscheinen soll. Die Idee dahinter: weniger Alkohol, aber unveränderte aromatische Dichte. Oder, um es mit Paracelsus zu sagen: In der Mitte liegt die Tugend.

Wer sich für Spirituosen interessiert – nicht als Lifestyle-Accessoire, sondern als Ergebnis von Erfahrung, Experiment und Konsequenz –, sollte Enoglam in Rovato besuchen. Es ist einer dieser Orte, an denen man versteht, dass Qualität immer mit Haltung beginnt.

Die FOOTSTEPS Grand Tour führt genau dorthin: zu Menschen, die Dinge nicht einfach herstellen, sondern ihnen Bedeutung geben.

Über den Autor

Enzo Destino schreibt auch für das FOOTSTEPS Magazine. Das ist ein Reisemagazin für Menschen, die die Welt und sich selbst entdecken wollen – durch echte Geschichten und persönliche Erlebnisse. 

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Reisen