Flucht nach oben – drei Tage auf dem Ritten
Während Bozen in der Sommerhitze flimmert, beginnt nur wenige Höhenmeter weiter eine andere Welt. Drei Tage zwischen See, Seilbahn, Kunst und Dolomiten zeigen, warum der Ritten mehr ist als ein Ausflugsziel in Südtirol.
Flucht nach oben
Bozen kocht. Die Talkessel-Hitze steht zwischen den Lauben wie eine zweite, unsichtbare Mauer, und um zehn Uhr morgens ist die Luft in Südtirol schon so dick, dass jeder Schritt sich anfühlt wie ein kleiner Widerstand. Ich entschliesse mich, auf den Ritten zu fahren.
Das Hotel Weihrerhof empfängt mich rund 30 Autominuten später mit jener Stille, die man nur kennt, wenn man gerade aus dem Lärm kommt. Ich beziehe das Zimmer nicht sofort, sondern stehe zuerst auf der Terrasse und schaue auf den See, als müsste ich mich erst vergewissern, dass es ihn wirklich gibt.

Im Hotel Weihrerhof entkommt man dem Lärm aus der Stadt. Bild: Hotel Weihrerhof
Auf einmal steht Klaus Pichler hinter mir, der Hotelier, und begrüsst mich. Wir sprechen kurz über die Hitze im Tal, darüber, wie viel kühler es hier oben ist, fast wie ein anderes Klima. Er empfiehlt mir einen Ausflug nach Bozen – für morgen, sagt er, wenn die Stadt noch nicht ganz erwacht ist. Ich nehme den Vorschlag an, ohne lange zu überlegen.
Den Nachmittag verbringe ich im Schatten am See, mit Texten für die nächste Ausgabe des FOOTSTEPS MAGAZINE, die endlich fertig werden wollen. Am nächsten Tag folge ich Pichlers Rat.
Über den Autor
Enzo Destino schreibt auch für das FOOTSTEPS Magazine. Das ist ein Reisemagazin für Menschen, die die Welt und sich selbst entdecken wollen – durch echte Geschichten und persönliche Erlebnisse.
Der Weg hinab, der Weg hinaus
Nach dem Frühstück – ein knapper Kaffee, ein Ei, mehr Ungeduld als Appetit – gehe ich zu Fuss zur Station Wolfsgruben. Der Weg ist kurz, aber er hat einen eigenen Rhythmus: Wiesen, ein paar Höfe, das leise Klingen von Kuhglocken, die niemand mehr wirklich hört, weil sie einfach dazugehören.
Die Rittner Bahn fährt pünktlich, wie seit über hundert Jahren. Ich sitze am Fenster, sehe Oberbozen näherkommen, und steige dort in die Seilbahn um. Der Moment, in dem die Kabine aus der Bergstation gleitet und der Boden verschwindet, hat für mich nie an Wirkung verloren. Unter mir wechseln Wiesen zu Wald, Wald zu Fels, und plötzlich liegt Bozen da, flach und flimmernd in der Mittagshitze, wie eine Stadt, die man von hier oben nur noch als Idee betrachtet.
Von der Talstation gehe ich über den Waltherplatz. Die Café-Tische sind besetzt, Kellner balancieren Tabletts durch die Hitze, und mittendrin das Denkmal, das seit über hundert Jahren zusieht, ohne sich einzumischen. Ich gehe weiter, direkt zum «Museion» – einem Museum für zeitgenössische Kunst, in dem noch bis September die Werke des kürzlich verstorbenen Fotografen und Konzeptkünstlers Franco Vaccari zu sehen sind.

Blick in die Ausstellung des Künstlers Franco Vaccari im Museion. ©Luca Guadagnini
Vaccaris Räume
«Environments» nennt Franco Vaccari seine Ausstellung, und der Titel ist Programm: keine Bilder zum Betrachten, sondern Räume zum Betreten. Ich bleibe lange in einem Saal, in dem sich Fotografie und Zufall die Hand reichen – Vaccari hat mit der Idee gearbeitet, dass das Werk erst durch die Anwesenheit des Betrachters entsteht. Ohne mich, so scheint es, wäre der Raum unvollständig.

In Vaccaris Ausstellung entsteht das Werk erst durch die Anwesenheit des Betrachters. ©Luca Guadagnini
Auf dem Rückweg ein Abstecher zur Ar/Ge Kunst. Dort läuft «Solastalgia» – ein Kunstwort aus Trost und Nostalgie, geprägt für jenes Heimweh, das man empfindet, ohne den Ort je verlassen zu haben, weil sich der Ort selbst verändert. Die Werke sprechen von Landschaften im Umbruch, von Gletschern, die zu Erinnerungen werden, noch während sie schmelzen.

Drei Bilder in der Galerie Ar/Ge Kunst. ®TiberioSorvillo
Michis Karte
Ich schlendere ohne Ziel durch die Gassen, bis mich der Hunger zur Löwengrube trägt. Michi, der Hausherr, begrüsst mich, als hätte er mich erwartet, obwohl ich nicht reserviert habe. Er erzählt von seiner neuen Karte, von Produzenten, die er persönlich kennt, von einem Gericht, das er erst letzte Woche fertig entwickelt hat. Ich unterbreche ihn nicht. Ich sage nur: Wähle für mich.
Was folgt, ist kein Menü im klassischen Sinn, sondern eine Abfolge kleiner Behauptungen – jeder Teller ein Satz, jeder Gang eine Antwort auf eine Frage, die ich nicht gestellt habe. Ich esse langsam. Draussen wird es allmählich milder, die Hitze des Tages beginnt sich zurückzuziehen wie eine Welle, die man kommen sah.
Bevor es dunkel wird, mache ich mich auf den Rückweg: Seilbahn hinauf nach Oberbozen, Bahn hinunter nach Wolfsgruben. Am See ist es jetzt kühl, fast kalt, und ich sitze am Ufer, bis die letzten Farben verschwinden. Der Tag hatte zwei Temperaturen. Ich habe beide gebraucht.
Der dritte Tag, ein anderer Weg
Am dritten Morgen ist der See noch nicht bereit für Zuschauer. Ich bin früh wach, früher als nötig, und stehe am Fenster, während der Weihrerhof noch schläft. Kein Geschirrklirren, keine Stimmen – nur das Wasser, das in einem Licht liegt, das noch keinen Namen hat.
Ich gehe hinunter zum Steg, ziehe mich aus, ohne nachzudenken, und lasse mich ins Wasser gleiten. Kalt, aber nicht feindlich. Eher wie ein Einwand, den der Körper macht, kurz bevor er zustimmt. Ich schwimme ein paar Züge, dann treibe ich einfach, das Gesicht zum Himmel, und höre auf zu wissen, wie spät es ist. Dieses Bad, gleich am zweiten Morgen nach der Bozen-Tour, ist keine Erfrischung im gewöhnlichen Sinn – eher eine Art, sich des eigenen Körpers wieder zu vergewissern, bevor der Tag beginnt.
Beim Frühstück auf der Terrasse kehrt die Welt langsam zurück. Brot, Marmelade, ein zweiter Kaffee, den ich mir sonst verbiete. Heute habe ich ein Ziel: den Weg, dem Sigmund Freud seinen Namen gegeben hat, obwohl er ihn selbst nie so genannt hätte. Seit zwei Jahrzehnten trägt diese Strecke zwischen Oberbozen und Klobenstein seinen Namen – eingerichtet zum 150. Geburtstag, der einzige Weg dieser Art weltweit.

Das Wasser im Wolfsgrubener See beim Hotel Weihrerhof ist kalt, aber nicht feindlich. Hotel Weihrerhof
Zwischen Oberbozen und Klobenstein
Der Weg beginnt unauffällig, fast bescheiden. Kein Tor, kein Schild, das Bedeutung verspricht. Nur ein Pfad zwischen Wiesen, während rechts und links die Dolomiten auftauchen, verschwinden, wieder auftauchen – Schlern, Rosengarten, die messerscharfen Linien von Santnerspitze und Euringerspitze.
Nach einer knappen halben Stunde die erste der dreizehn Bänke. David und Verena Messner haben sie entworfen, jede mit einem Satz aus Freuds Schriften versehen. Ich setze mich nicht sofort, gehe erst daran vorbei, kehre dann um – eine kleine, unnötige Umkehr, die mir aber richtig erscheint.
Der Satz auf dem Holz ist kurz. Ich lese ihn zweimal, schaue dann einfach hinaus, ohne an ihn zu denken, was vermutlich genau das ist, was er bewirken soll. Freud schrieb einmal, das Unbewusste zeige sich nie direkt, sondern nur auf Umwegen – in Träumen, in Versprechern, in Pausen. Auf dieser Bank wird der Umweg zur Methode.
Der Weg führt weiter durch ein Stück Wald, dunkler, kühler, mit jenem harzigen Geruch, der einem erst auffällt, wenn man ihn schon wieder verlässt. Dann öffnet sich der Blick erneut – Lichtenstern, und mit ihm ein Panorama, das keinen Kommentar duldet. Es fällt mir ein Ausruf ein, den Freud hier hinterlassen haben soll: «Göttlich, schöner Ritten!» – ein Satz ohne Erklärung, der trotzdem alles sagt.
Klobenstein empfängt mich mit dem gewohnten Lärm eines Vormittags: Stimmen, klirrende Gläser, ein Hund, der jemandem hinterherläuft. Ich setze mich, trinke etwas Kaltes, beobachte das Dorf beim Funktionieren.
Der Rückweg ist ein anderer Weg
Ich gehe zurück, dieselbe Strecke, und doch stimmt das nicht ganz. Das Licht hat sich verschoben, die Schatten sind kürzer geworden, härter. Was am Morgen wie eine Ahnung wirkte, zeigt jetzt Kontur.
Am Nachmittag, zurück beim Weihrerhof, liegt der See in vollem Licht, fast zu hell, um ihn richtig anzusehen. Ich weiss, dass sich das ändern wird. Am Abend wird das Wasser wieder weich, und morgen früh, bevor jemand wach ist, wird es so still daliegen, als hätte es die Nacht nie verlassen.
Vielleicht bin ich deshalb hierhergekommen. Nicht wegen der Hitze in Bozen, nicht wegen eines Namens auf einer Bank. Sondern wegen dieser Bewegung zwischen zwei Zuständen – der Stadt und dem Berg, dem Tun und dem Nichtstun –, die sich nie ganz schliesst und genau deshalb interessant bleibt.
«Manche Wege führen nicht zu einem Ziel, sondern zu der Erkenntnis, dass man das Ziel gar nicht gesucht hat.»
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