Peter Reber: «Altwerden darf kein Tabu sein»
HomearrowGesellschaft

Peter Reber: «Altwerden darf kein Tabu sein»

Der Berner Komponist und Musiker Peter Reber (73) freut sich wie ein kleiner Bub, dass das Musical mit Liedern aus seiner Zeit mit Peter, Sue & Marc nun nach zwei Corona-Jahren endlich auf dem Thunersee aufgeführt wird. Er erzählt, wie er die Pandemie gemeistert hat und warum er gerne älter wird.

Peter Reber: «Dass jetzt wieder ein normales Leben möglich ist, ist für mich als Künstler Balsam auf der Seele.»Peter Reber: «Dass jetzt wieder ein normales Leben möglich ist, ist für mich als Künstler Balsam auf der Seele.»
image

Claudia Landolt am 30.6.2022

Herr Reber, wie viele Kaffees haben Sie heute schon getrunken? Sie sind schliesslich bekennender Kaffeetrinker. Peter Reber: Das stimmt. Meine ersten Gedanken morgens gehören meiner Kaffeemaschine.
Sind Sie denn ein passionierter Barista? Um Gottes willen, nein. Meine Kinder da schon eher. Zumindest versuchen sie mich hartnäckig davon zu überzeugen, dass ich es mal mit einem Cold-Brew-Filterkaffee oder anderem modernen Schnickschnack probieren sollte. Aber ich leiste Widerstand. Bis jetzt (lacht). Mein Kaffee muss nur zwei Kriterien erfüllen: stark und schwarz.
Nach zwei Pandemiejahren und etlichen Verschiebungen findet ab Juli endlich das IO SENZA TE am Thunersee statt. Sie haben eine spezielle Verbindung zu dieser Gegend. Ja, als kleiner Bub war ich oft auf dem Thunersee auf einem diesen grossen, alten Dampfschiffen aus der Belle Epoche. Ich erinnere mich noch gut an meine Ehrfurcht vor diesen Raddampfern. Ich zuckte jedes Mal vor Angst zusammen, wenn das Horn ertönte. Umso mehr freue ich mich nun auf die Aufführung. Es ist wie eine Wiedergeburt.

Über Peter Reber und das Musical IO SENZA TE

Das Erfolgsmusical IO SENZA TE mit den Liedern von Peter, Sue & Marc kehrt im Sommer 2022 in einer neuen Fassung auf die Bühne zurück. Vom 13. Juli bis 27. August präsentieren die Thunerseespiele erneut ein Musical, dessen Herzstück die beliebten Songs («Jede brucht sy Insle») von Peter, Sue & Marc aus den 1970er-Jahren sind und in eine Geschichte über Träume, Zukunft und Selbstverwirklichung verpackt werden. Auf helveticcare.ch gibt es Tickets zu gewinnen.
Reber war bis 1981 Gründungsmitglied von Peter, Sue & Marc, einer der erfolgreichsten Schweizer Bands des 20. Jahrhunderts. Nach der Auflösung startete er eine Solokarriere als Musiker und Komponist. 2016 wurde er für sein Lebenswerk ausgezeichnet (tbc).
Wie haben Sie als Künstler die zwei Coronajahre gemeistert? Ich kann mich nicht beklagen, denn ich führe ein privilegiertes Leben, habe Haus und Garten und eine wunderbare Familie. Dass ich meine Enkelkinder nicht in die Arme schliessen konnte, war allerdings schwer, denn vom Alter her gehöre ich ja zur Risikogruppe. Auch konnte ich nach wie vor meine Musik machen, so wie ich es immer getan habe. Dass jetzt wieder ein normales Leben möglich ist, ist für mich als Künstler Balsam auf der Seele.
Inwiefern? Künstler brauchen Menschen, brauchen den Austausch untereinander. Sonst gehen wir ein. Wir sind wie Pflanzen: Kriegen wir kein Wasser, vertrocknet unsere Kreativität.
Für das Musical wurden die Lieder von Peter, Sue & Marc neu arrangiert und in eine Geschichte verwoben. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie Ihre eigenen Lieder hören? Nostalgie, Dankbarkeit und Freude. Es kommen viele schöne Erinnerungen an eine wilde Zeit hervor. Und ich bin sehr, sehr dankbar, dass ich meine grosse Liebe zur Musik zu meinem Beruf machen darf und davon leben kann. Ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ist für mich als einstiges Arbeiterkind nicht selbstverständlich, sondern ein grosses Privileg.
Peter, Sue & Marc bei einem Bühnenauftritt.
Sie haben einige Bruchstellen in Ihrem Leben, waren einmal ganze sieben Jahre auf See. War Aufgeben nie eine Option? Niemals. Man kann immer wieder neu beginnen. Erst recht, wenn einem einmal eine Zacke aus dem Krönlein fällt. Einfach aufstehen und weitermachen. Ist man irgendwann in einem Alter wie ich, ergibt alles Sinn, auch die Misserfolge, die Zaudereien oder die Stolpersteine.
Das hört sich an, als ob Sie das Älterwerden schätzten. Hat das Alter auch positive Seiten?Definitiv. Ein paar Beispiele:
  • Ich habe nicht mehr den Drang, an jeder «Hundsverlochete» dabei sein zu müssen.
  • Auf einen Erfahrungsschatz zurückgreifen zu können, ist manchmal von Vorteil.
  • Dank Haarausfall werden die Friseurkosten geringer.
  • Meine Garderobe bereitet mir kein Kopfzerbrechen mehr. Meistens nur Jeans und ein schwarzes Poloshirt. Wenn’s hochkommt noch ein Sakko dazu.
  • Die Anzahl Tage, die ich noch auf diesem Planeten verbringen darf, wird immer kleiner. Deshalb werden sie immer mehr zu einem Geschenk.
  • Kinder und Enkel um sich zu haben, die man liebt und die einem auch mögen, ist grossartig.
Sie schätzen Ihr selbstbestimmtes Leben. Was, wenn Sie dereinst Unterstützung brauchen sollten? Ich war immer stark selbstbestimmt und niemals irgendwo angestellt. Für ein Altersheim, irgendwann, wäre ich deshalb wohl auch kein einfacher Mitbewohner. Ich würde mir wünschen, dass ich so lange wie möglich in unserem Haus leben kann. Im Gegensatz zu meiner Frau bin ich auch kein sehr geselliger Mensch und kann ziemlich gut allein sein. Aber ich hoffe natürlich, dass meine Frau, die fast zehn Jahre jünger ist, mich überlebt und begleitet. Ich weiss aber auch, dass Pflegebedürftigkeit solchen Wünschen Grenzen setzen kann.

Peter Reber: vier Fakten

Peter Reber ist ein nunmehr älterer Mann, der sich jeden Tag darüber freut, dass er noch immer das tun darf und kann, was er am liebsten tut: Musik machen.
Mein Herz gehört meiner Frau Livia, meinen Kindern und Enkelkindern. Und der Musik.
Wenn ich drei Wünsche freihätte: Dann wünschte ich mir, dass der unfassbare Krieg in der Ukraine wie durch ein Wunder aufhörte; dass möglichst viele Menschen an den Thunersee reisen und sich vom Musical verzaubern lassen; dass mein Leben für mich in dieser Form noch so lange wie möglich weitergeht.
Mein Abendritual ist: Als Newsjunkie höre ich abends im Bett Talks, Podcasts, lese die News und schlafe dann irgendwann mit Stöpsel in den Ohren ein.
Sollten wir mehr über das Alter und Altwerden sprechen? Jede und jeder lebt in einer anderen Situation, und was für die einen gut ist, muss nicht unbedingt gut sein für die andern. Entscheidend scheint mir, dass man darüber sprechen kann – Ansprechpartner hat. «Altwerden» darf kein Tabu sein. Vielleicht sind wir Älteren auch ein bisschen selbst daran schuld: Solange wir uns ärgern, wenn man uns als «alte Leute» bezeichnet und nicht als Senioren und Seniorinnen – was natürlich viel sportlicher klingt – solange haben wir ein Problem.
Andere Kulturen und viele Naturvölker sehen das anders: Altwerden ist eine Auszeichnung und eine Ehre – das verdient den nötigen Respekt, den wir auch vor uns selbst haben müssen.
Woran erfreuen Sie sich? Ich bin gerührt, dass die Menschen ihre bereits vor zwei Jahren gebuchten Tickets für die Thunerseespiele nicht einfach zurückgegeben und uns so die Stange gehalten haben. Ich freue mich von ganzem Herzen, dass meine Lieder bei verschiedenen Lebensereignissen immer wieder gehört werden und die Menschen begleiten. Ich bin dankbar, dass ich eine so schöne Ehe mit Livia führen darf, eine liebe Familie habe und wir alle gesund geblieben sind.




Tags

  • Community
  • Kultur
  • Lifestyle
  • Gesellschaft